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Nähanleitung

Kunstleder nähen: Nadel, Stich und Pflege

Kunstleder verzeiht nichts. Jeder Nadeleinstich bleibt für immer, und die Nadel, die dafür am naheliegendsten klingt, ist genau die falsche. Hier steht, was funktioniert.

Braunes Kunstleder mit matter, leicht genarbter Oberfläche.

Ich habe für meine erste Kunstledertasche extra eine Ledernadel gekauft, weil das logisch klang. Nach der ersten Naht hatte ich eine Reihe kleiner Schlitze im Material, und beim ersten festen Zug riss die Kante entlang dieser Schlitze auf wie eine Briefmarke. Die Ledernadel war nicht defekt, sie war das falsche Werkzeug.

Marlenes Tipp

Näh dein erstes Kunstlederprojekt an einem Reststück komplett durch, inklusive einer Ecke und einer Kante. Fehler bei Kunstleder lassen sich nicht auftrennen und neu nähen, weil die alten Löcher sichtbar bleiben. Die zehn Minuten Probelauf ersparen dir ein ruiniertes Zuschnittteil.

Was ist Kunstleder?

Kunstleder ist ein Verbundmaterial aus zwei Schichten. Unten liegt ein Textilträger, meist aus Polyester oder Baumwolle, oben eine Kunststoffbeschichtung, die Optik und Griff von Leder nachbildet.

Die Beschichtung besteht entweder aus Polyurethan oder aus PVC. PU-Kunstleder ist weicher, geschmeidiger und lässt etwas Luft durch, weshalb es heute der Standard für Bekleidung und Taschen ist. PVC-Kunstleder ist steifer, robuster und günstiger und begegnet dir eher bei Polstermöbeln und Planen.

Wie hochwertig ein Kunstleder ist, hängt weniger vom Kunststoff ab als von der Verbindung der beiden Schichten. Bei günstiger Ware ist die Beschichtung dünn aufgetragen und löst sich nach einigen Jahren vom Träger, das ist das bekannte Abblättern an alten Bürostühlen. Bei guter Ware ist die Schicht dicker und teilweise in den Träger eingearbeitet. Erkennen kannst du das an der Schnittkante: Je klarer die Trennung zwischen Gewebe und Beschichtung, desto eher blättert sie später ab.

Warum ist das für dich relevant? Weil die Beschichtung bestimmt, wie sich das Material unter dem Nähfuß verhält. PU ist geschmeidig und lässt sich um Rundungen legen, PVC ist störrisch und braucht mehr Kraft und einen längeren Stich.

Woran erkennt man Kunstleder?

Der zuverlässigste Test ist die Rückseite. Kunstleder zeigt dort ein gleichmäßiges Textilgewebe mit erkennbarer Webstruktur, echtes Leder eine faserige, wildlederartige Fleischseite.

Der zweite Blick gilt der Narbung. Bei Kunstleder ist das Oberflächenmuster geprägt und wiederholt sich deshalb in regelmäßigen Abständen, wenn man genau hinsieht. Echtes Leder hat eine unregelmäßige Narbung mit Poren, kleinen Falten und gelegentlich Narben aus dem Tierleben.

MerkmalKunstlederEchtes Leder
Rückseitegleichmäßiges Gewebefaserige Fleischseite
Narbungregelmäßig, wiederholt sichunregelmäßig, mit Poren
Schnittkantezwei klar getrennte Schichtendurchgehend gleiche Struktur
Geruchneutral bis chemischtypisch nach Leder
Wasserperlt ab, bleibt liegenzieht langsam ein, dunkelt nach
Wärme in der Handbleibt kühlwird schnell körperwarm

Und was ist mit PU-Leder? Das ist kein eigenes Material, sondern die Bezeichnung für Kunstleder mit Polyurethan-Beschichtung. Verwirrend wird es beim sogenannten Bicast- oder Spaltleder, das einen echten Lederkern mit einer PU-Schicht kombiniert. Es ist rechtlich Leder, verhält sich beim Nähen aber wie Kunstleder.

Die richtige Nadel: Microtex statt Ledernadel

Das ist der wichtigste Punkt des ganzen Artikels. Nimm eine Microtex-Nadel in Stärke 80 oder 90 und lass die Ledernadel liegen.

Warum? Eine Ledernadel hat keine runde Spitze, sondern eine keilförmige Schneide. Sie ist dafür gebaut, die dichte Faserstruktur von echtem Leder sauber zu durchtrennen, damit sich die Naht nicht wellt. In Kunstleder schneidet dieselbe Schneide einen kleinen Schlitz in die Kunststoffschicht, und ein Schlitz ist eine Sollbruchstelle. Unter Zug reißt das Material genau dort weiter.

Die Microtex-Nadel dagegen hat eine sehr schlanke, aber runde und scharfe Spitze. Sie sticht ein möglichst kleines rundes Loch, ohne Material zu durchtrennen. Bei sehr dickem Kunstleder oder mehreren Lagen kannst du auf eine Jeansnadel in Stärke 100 ausweichen, die durch den verstärkten Schaft nicht so leicht auslenkt.

Matte braune Kunstlederoberfläche in Nahaufnahme.

Kunstleder nähen: Einstellungen und Technik

Die zweite Grundregel folgt direkt aus der ersten: Jedes Loch bleibt. Kunstleder schließt sich nicht wieder wie Gewebe, deshalb ist Auftrennen keine echte Option.

EinstellungEmpfehlungWarum
NadelMicrotex 80 bis 90rundes Loch statt Schlitz
Stichlänge3 bis 3,5 mmweniger Perforierung pro Zentimeter
NähfußTeflon-, Roll- oder ObertransportfußStandardfuß klebt auf der Oberfläche
GarnPolyester, Nm 50 bis 80reißfest und glatt laufend
FixierungStoffclips oder Wonder ClipsStecknadeln hinterlassen Löcher
VerriegelnFadenenden verknoten statt rückwärts nähenRückwärtsnähen setzt Löcher direkt nebeneinander

Der zweite Stolperstein ist der Transport. Kunstleder klebt am metallenen Standardnähfuß, dadurch wird es ungleichmäßig transportiert und die Stiche werden unregelmäßig. Ein Teflonfuß löst das sofort. Wenn du keinen hast, klebst du ein Stück Klebeband auf die Unterseite des Fußes oder legst Seidenpapier zwischen Fuß und Material, das du danach abreißt.

Und Nahtzugaben? Die kannst du bei Kunstleder auseinanderklappen und mit Klebstoff oder einem Hammerschlag flach legen, denn Bügeln fällt weitgehend aus. Falls du bügelst, dann nur von der Rückseite, mit niedriger Temperatur und einem Bügeltuch, weil die Kunststoffschicht schmilzt.

Zuschneiden und Markieren

Kunstleder franst nicht aus, das ist die gute Nachricht. Kanten müssen also nicht versäubert werden, was viel Arbeit spart.

Zugeschnitten wird mit dem Rollschneider auf einer Schneidematte oder mit einer scharfen Schere. Verwende Nähgewichte statt Stecknadeln, um das Schnittmuster zu fixieren, denn jede Nadel im Zuschnittbereich hinterlässt eine Spur. Markiert wird ausschließlich auf der Rückseite, mit Kreide oder einem weichen Bleistift, weil Trickmarker auf der glatten Oberfläche weder haften noch verschwinden.

Ein Detail spart beim Zuschnitt viel Material: Kunstleder hat keinen Fadenlauf im klassischen Sinne, weil die Beschichtung die Dehnung ohnehin begrenzt. Du kannst Schnittteile deshalb enger schachteln und auch quer legen, was bei Webware nicht ginge. Nur bei sehr weichen PU-Qualitäten mit Strickträger gibt es eine leichte Vorzugsrichtung, die du an einem Zugtest an der Kante erkennst.

Was ist mit der Strichrichtung? Kunstleder hat keine im klassischen Sinne, aber viele Qualitäten glänzen je nach Lichteinfall unterschiedlich. Leg deshalb alle Teile in dieselbe Richtung aus, sonst wirkt die fertige Tasche zweifarbig.

Ecken, Kanten und Verschlüsse

An Ecken zeigt sich, ob ein Kunstlederprojekt gelingt. Weil das Material nicht nachgibt und nicht gebügelt werden kann, staut sich an jeder Ecke Volumen, das irgendwohin muss.

Die übliche Lösung ist Ausdünnen. Schneide die Nahtzugaben in der Ecke schräg ab, bei Innenecken zusätzlich bis knapp an die Naht ein, und trage bei dickem Material die Rückseite mit einem Cuttermesser leicht ab. Danach klappst du die Zugabe um und fixierst sie mit einem Klebestift für Textilien oder mit doppelseitigem Nahtklebeband, statt sie zu bügeln.

Und Kanten? Die kannst du offen lassen, weil nichts ausfranst. Wenn du eine sauber gefasste Optik willst, ist Schrägband die einfachste Lösung, weil es Volumen aufnimmt statt es zu stapeln. Für Verschlüsse gilt: Druckknöpfe und Ösen brauchen eine Verstärkung auf der Rückseite, sonst reißt der Träger unter Zug aus. Ein Stück feste Einlage oder ein zweites Stück Kunstleder als Unterlage genügt. Wie du Druckknöpfe sauber setzt, steht im Guide zu Druckknöpfen.

Kunstleder pflegen und reinigen

Die Pflege ist einfacher als bei echtem Leder, folgt aber anderen Regeln. Wisch die Oberfläche mit einem feuchten Tuch und etwas mildem Reinigungsmittel ab und trockne sie danach nach.

Was gehört ausdrücklich nicht darauf? Lederfett und Lederbalsam. Echtes Leder nimmt diese Fette in die Faser auf, Kunstleder kann das nicht, weil die Oberfläche geschlossen ist. Das Fett bleibt oben liegen, wird klebrig und zieht Staub an. Es gibt eigene Pflegemittel für Kunstleder, die Weichmacher zurückführen und die Oberfläche geschmeidig halten.

Bei hartnäckigen Flecken kommt es auf die Art an. Fett und Make-up entfernst du mit etwas Spülmittel in lauwarmem Wasser, Kugelschreiber vorsichtig mit Isopropanol auf einem Wattestäbchen, immer erst an einer verdeckten Stelle getestet. Aceton und Nagellackentferner sind tabu, weil sie die Beschichtung anlösen und eine matte Stelle hinterlassen, die schlimmer aussieht als der Fleck. Auch Mikrofasertücher mit rauer Struktur solltest du meiden, denn sie polieren die Narbung an Kanten glatt.

Der häufigste Schaden ist Sprödigkeit durch Sonne und Hitze. UV-Licht baut die Weichmacher in der Kunststoffschicht ab, das Material wird hart und bekommt feine Risse. Deshalb gehört eine Kunstledertasche nicht dauerhaft ans Autofenster oder auf die Fensterbank. Und Imprägnieren? Möglich mit Sprays für glatte Oberflächen, aber selten nötig, weil Kunstleder ohnehin kaum Wasser aufnimmt.

Kunstleder flicken

Kleine Schäden lassen sich reparieren, größere selten überzeugend. Der Unterschied liegt darin, ob nur die Deckschicht beschädigt ist oder der Träger darunter mit.

Bei einem kleinen Riss legst du von der Rückseite ein Stück selbstklebenden Flicken oder ein aufgebügeltes Reparaturvlies unter, damit die Kanten wieder zusammenliegen. Von vorn füllst du den Riss mit Flüssigleder in passender Farbe, trägst es dünn in mehreren Schichten auf und lässt jede Schicht trocknen. Eine Strukturfolie aus dem Reparaturset kann die Narbung grob nachbilden.

Wird das unsichtbar? Ehrlicherweise nein. Farbe und Narbung lassen sich nicht exakt treffen, und aus der Nähe bleibt die Stelle erkennbar. Bei großflächig abblätternder Deckschicht, wie sie an alten Sofas auftritt, lohnt die Reparatur meist gar nicht, weil sich der Schaden fortsetzt. Dann ist Neubeziehen die ehrlichere Lösung, auch wenn sie zunächst nach mehr Aufwand klingt. Ein Flickversuch auf großer Fläche hält erfahrungsgemäß wenige Monate, danach löst sich die Deckschicht am Rand der reparierten Stelle weiter ab.

Was kann man aus Kunstleder nähen?

Der Klassiker sind Taschen, und zwar aus einem guten Grund: Kunstleder ist formstabil, franst nicht und ist abwischbar. Eine Tasche aus Kunstleder braucht deshalb oft nicht einmal eine Verstärkung.

Für den Einstieg eignet sich ein Etui oder ein kleiner Taschenboden besser als eine ganze Tasche, weil du dabei alle Techniken einmal durchspielst, ohne viel Material zu riskieren. Kunstleder ist außerdem meterweise teurer als Baumwolle, und Fehlversuche lassen sich nicht auftrennen und neu verwenden.

Weitere sinnvolle Projekte sind Etuis, Taschenböden, Griffe und Laschen, Untersetzer und Kanteneinfassungen an Stoffprojekten. Häufig wird Kunstleder auch nur als Detail eingesetzt, etwa als Boden einer Stofftasche oder als Verstärkung an einer Ecke, weil es dort Abrieb aushält, wo Baumwolle durchscheuert.

Wovon du besser die Finger lässt? Von eng anliegender Kleidung, weil das Material kaum Luft durchlässt, und von Projekten mit vielen kleinen Teilungsnähten, weil jede Naht eine Perforation ist. Für Taschen, die viel Gewicht tragen sollen, verstärkst du die Griffansätze zusätzlich mit einer Lage Vlieseline auf der Rückseite. Die Grundeinstellungen deiner Maschine dafür findest du in den Nähmaschinen-Basics.

Häufige Fragen zu Kunstleder

Welche Nadel braucht man für Kunstleder?

Eine Microtex-Nadel in Stärke 80 oder 90, keine Ledernadel. Ledernadeln haben eine keilförmige Schneidspitze, die echtes Leder sauber durchtrennt, in Kunstleder aber einen Schlitz schneidet, aus dem später ein Riss wird. Microtex sticht ein rundes, kleines Loch und ist deshalb die richtige Wahl.

Welche Stichlänge für Kunstleder?

Etwa 3 bis 3,5 Millimeter, also länger als bei Webware. Jeder Einstich ist ein bleibendes Loch, und je dichter die Löcher liegen, desto eher reißt das Material entlang der Naht wie eine Briefmarke am Perforationsrand.

Woraus besteht Kunstleder?

Aus einem Textilträger, meist Polyester oder Baumwolle, auf den eine Kunststoffschicht aufgebracht wird. Diese Schicht besteht entweder aus Polyurethan (PU) oder aus PVC. PU ist weicher, atmungsaktiver und heute der Standard, PVC ist robuster, steifer und günstiger.

Woran erkennt man Kunstleder?

An der Rückseite und an der Struktur. Kunstleder zeigt hinten ein gleichmäßiges Textilgewebe, echtes Leder eine faserige Fleischseite. Die Narbung ist bei Kunstleder regelmäßig und wiederholt sich im Muster, bei echtem Leder ist sie unregelmäßig. Auch der Geruch unterscheidet sich deutlich.

Wie pflegt man Kunstleder?

Mit einem feuchten Tuch und mildem Reinigungsmittel abwischen, danach trocken nachwischen. Lederfett und Lederbalsam gehören nicht auf Kunstleder, weil die Oberfläche sie nicht aufnimmt und sie einen klebrigen Film bilden. Gegen Sprödigkeit gibt es eigene Kunstlederpflegemittel.

Kann man Kunstleder flicken?

Kleine Risse ja, mit Flüssigleder oder einem aufgeklebten Flicken von der Rückseite. Vollständig unsichtbar wird die Stelle selten, weil sich Farbe und Narbung nicht exakt nachbilden lassen. Bei großflächigen Ablösungen der Deckschicht lohnt die Reparatur meist nicht.