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Nähgarn: Stärken, Material und Aufbewahrung

Bei Nähgarn zählt eine Zahl, die kaum jemand richtig liest, und sie funktioniert genau andersherum als bei Nadeln. Hier steht, was Nm bedeutet, welches Material wofür taugt und warum dein alter Garnvorrat vielleicht das Problem ist.

Viele bunte Garnrollen dicht nebeneinander in einem Regal.

Ich habe jahrelang mit einem Garn genäht, das ich auf einem Flohmarkt in einem Schuhkarton gekauft hatte. Zwanzig Rollen für zwei Euro, ein Schnäppchen. Bis mir auffiel, dass meine Nähte reihenweise rissen und ich die Schuld bei der Maschine suchte. Das Garn war schlicht alt und spröde, und ich hatte den einfachsten Test übersehen.

Marlenes Tipp

Der Reißtest dauert zwei Sekunden. Nimm ein Stück Garn zwischen beide Hände und zieh ruckartig daran. Gutes Garn dehnt sich kurz und reißt dann mit einem klaren Schnapp. Altes Garn reißt sofort und ohne Widerstand, oft mit einem fransigen Ende. Solche Rollen gehören in den Müll, nicht in die Maschine.

Was ist Nähgarn und woraus besteht es?

Nähgarn ist kein einzelner Faden, sondern ein Zwirn aus mehreren miteinander verdrehten Einzelfäden. Diese Verdrehung gibt ihm die Festigkeit und sorgt dafür, dass es in der Maschine nicht aufspleißt.

Warum steht dann so oft eine Zahlenkombination wie 120/2 auf der Rolle? Die erste Zahl ist die Feinheit des Einzelfadens, die zweite die Anzahl der verzwirnten Fäden. Ein Garn 120/2 besteht also aus zwei Einzelfäden der Feinheit 120. Ein 30/3 wäre entsprechend dicker und dreifach gezwirnt.

Neben der Zwirnung entscheidet die Oberflächenbehandlung über die Qualität. Gutes Nähgarn ist gasiert, das heißt kurz durch eine Flamme geführt, damit abstehende Faserenden verbrennen, und anschließend geschlichtet, also mit einem Gleitmittel versehen. Beides zusammen sorgt dafür, dass der Faden ohne Reibungshitze durch Nadelöhr und Greifer läuft. Bei billigem Garn fehlt das, und genau daher kommen Fusseln im Greifer.

Garnstärken verstehen: Nm, tex und die Tabelle

Die verbreitetste Angabe ist die metrische Nummer, abgekürzt Nm. Sie sagt, wie viele Meter Garn ein Gramm wiegen. Bei Nm 100 sind das 100 Meter pro Gramm.

Daraus folgt die Regel, die den meisten Ärger macht: Je höher die Zahl, desto feiner das Garn. Das ist genau umgekehrt zur Nadel, wo 110 dicker ist als 70. Wer beides verwechselt, kombiniert versehentlich ein Haarfeingarn mit einer Jeansnadel.

GarnstärkePassende NadelWofür
Nm 30 bis 40100 bis 120Jeans, Canvas, Zierstepp, Leder
Nm 50 bis 7090 bis 100dicke Baumwolle, Möbelstoff, Taschen
Nm 80 bis 10080 bis 90mittlere Webware, Jersey, Sweat
Nm 100 bis 12070 bis 80Allesnäher, normaler Alltag
Nm 140 und feiner60 bis 70Chiffon, Seide, Batist

Die Tabelle ist ein Startpunkt, keine feste Regel. Entscheidend ist am Ende der Stoff vor dir, und den prüfst du an einem Reststück in doppelter Lage. Sieht die Naht dort sauber aus und hält sie einem beherzten Zug stand, passt die Kombination. Bei Stoffen, die zwischen zwei Zeilen fallen, nimmst du im Zweifel das feinere Garn und die dünnere Nadel, weil kleinere Einstichlöcher weniger Schaden anrichten als zu große.

Woran erkennst du, dass die Kombination nicht passt? An zwei Symptomen. Ist das Garn zu dick für die Nadel, hörst du ein hartes Klacken, und die Naht wirft Schlaufen, weil der Faden im Öhr klemmt. Ist es zu dünn für den Stoff, sieht die Naht sauber aus und reißt trotzdem bei Belastung. Daneben begegnet dir manchmal die Angabe tex, die genau andersherum läuft: Sie gibt das Gewicht von 1.000 Metern in Gramm an, hier steht eine höhere Zahl also für ein dickeres Garn.

Polyester oder Baumwolle?

Diese Entscheidung fällt in neun von zehn Fällen zugunsten von Polyester aus. Der Grund ist nicht Bequemlichkeit, sondern eine Materialeigenschaft.

KriteriumPolyestergarnBaumwollgarn
Reißfestigkeithochmittel
Dehnunggibt leicht nachkaum
Hitzebeständigkeitbegrenzt, schmilzthoch, verträgt heißes Bügeln
Alterungsehr langsamwird mit den Jahren spröde
Färbbarkeitschlechtgut
Passt zufast allen StoffenBaumwolle, Leinen, Patchwork

Wann lohnt Baumwolle trotzdem? Bei Patchwork, weil die Nähte dort dauerhaft flach liegen sollen und Baumwolle nicht federt. Bei Projekten, die nachträglich gefärbt werden, weil Polyester die Farbe nicht annimmt und die Nähte dann hell bleiben. Und bei allem, was mit hoher Temperatur gebügelt wird.

Eine Faustregel aus der Praxis hilft bei der Entscheidung: Das Garn sollte nie stärker sein als der Stoff. Reißt eine Naht unter Belastung, ist ein gerissener Faden ärgerlich, aber reparierbar. Hält das Garn dagegen mehr aus als das Gewebe, reißt der Stoff neben der Naht ein, und das lässt sich kaum noch sauber flicken. Bei feinen Stoffen also lieber feineres Garn wählen, auch wenn ein dickeres verfügbar wäre.

Es gibt außerdem Mischgarne mit Polyesterkern und Baumwollmantel. Sie kombinieren die Reißfestigkeit des Kerns mit der Hitzebeständigkeit des Mantels und sind in der Bekleidungsindustrie Standard, im Hobbybereich aber seltener zu finden.

Gütermann und andere Marken

Gütermann ist im deutschsprachigen Raum die bekannteste Marke, und die Serien haben feste Namen mit klarer Zuordnung. Wer die kennt, findet im Laden schneller das Richtige.

Der Allesnäher ist das Standardgarn für den Haushalt und deckt den größten Teil der Alltagsprojekte ab. Die Serie Mara ist das industrielle Polyestergarn desselben Herstellers und kommt auf großen Konen mit deutlich mehr Metern, die Zahl hinter dem Namen bezeichnet dabei die Feinheit. Mara 100 ist also feiner als Mara 70, und Mara 30 ist ein kräftiges Garn für Jeans und Leder.

Ein Hinweis zu den Konen: Große Industriekonen sind pro Meter deutlich günstiger, passen aber nicht auf den Garnrollenhalter einer Haushaltsmaschine. Dafür gibt es Garnrollenständer, die neben die Maschine gestellt werden und den Faden von oben zuführen. Wer viel näht, spart damit spürbar, für gelegentliche Projekte lohnt die Anschaffung nicht.

Lohnt der Markenaufpreis? In diesem Fall meistens ja, und zwar weniger wegen der Reißfestigkeit als wegen der Gleichmäßigkeit. Ein gleichmäßig starkes, sauber gasiertes Garn läuft ruhiger durch die Maschine, was sich direkt in gleichmäßigeren Stichen und weniger Fusseln im Greifer zeigt. Alterfil und Amann Serafil sind gleichwertige Alternativen aus dem industriellen Bereich.

Bunte Garnrollen dicht gestapelt in einem Sortierregal.

Spezialgarne: Jeans, Overlock und elastisch

Neben dem Allrounder gibt es eine Handvoll Garne für konkrete Aufgaben. Sie sind keine Pflicht, machen bestimmte Projekte aber deutlich einfacher.

Jeansgarn ist dick, meist Nm 30, und in typischen Goldgelb- und Orangetönen erhältlich. Es ist für die sichtbare Ziernaht gedacht, nicht für die Konstruktionsnaht darunter. Wer damit eine ganze Hose zusammennäht, bekommt harte, auftragende Nähte.

Overlockgarn kommt auf großen Konen mit 1.000 Metern und mehr, weil eine Overlock je nach Stichart drei bis vier Fäden gleichzeitig verbraucht. Es ist etwas feiner und weicher als Maschinengarn, damit die Kettelnaht nicht aufträgt. Und elastisches Nähgarn? Das brauchst du seltener, als der Name vermuten lässt. Für Jersey reicht ein normales Polyestergarn mit Zickzackstich, weil die Dehnung aus der Stichform kommt. Elastisches Garn ist für Smoken und für stark gedehnte Bündchen gedacht und läuft dort meist als Unterfaden.

Welches Garn liegt sinnvoll auf Vorrat?

Ein vollständiges Farbsortiment brauchst du nicht, und es wäre sogar kontraproduktiv, weil ungenutztes Garn altert. Sinnvoller ist ein kleiner Grundstock, den du projektweise ergänzt.

Der Grundstock besteht aus vier Farben: Schwarz, Weiß, ein mittleres Grau und ein mittleres Beige. Grau und Beige sind dabei die eigentlichen Arbeitspferde, weil sie auf gemusterten und mittelbunten Stoffen optisch verschwinden. Dazu kommt pro laufendem Projekt die passende Farbe, und die kaufst du beim Stoff gleich mit, statt zu Hause aus dreißig Rollen die vermeintlich richtige zu suchen.

Wie triffst du die Farbe? Nicht nach Rolle, sondern nach abgewickeltem Faden. Auf der Rolle wirkt Garn durch die vielen Lagen deutlich dunkler und satter, als es in der Naht aussieht. Zieh im Laden ein Stück ab und leg es einzeln auf den Stoff. Und wenn du zwischen zwei Tönen schwankst, nimm den dunkleren, denn ein zu helles Garn fällt in der Naht stärker auf als ein zu dunkles.

Nähgarn richtig aufbewahren

Der wichtigste Faktor ist Licht. UV-Strahlung macht Garn über Jahre spröde und bleicht die Farbe aus, und beides merkst du erst, wenn die Naht reißt.

Deshalb ist die dekorative Garnwand über dem Nähtisch die schlechteste aller Lösungen, so schön sie aussieht. Besser sind geschlossene Boxen, Schubladeneinsätze oder ein Schrank. Zweiter Faktor ist Staub, denn Staub auf dem Garn wandert direkt in die Maschine und setzt sich im Greifer ab.

LösungVorteilNachteil
Geschlossene Sortierboxlicht- und staubdicht, stapelbarFarben nicht auf einen Blick sichtbar
Schubladeneinsatzgute Übersicht beim Öffnenbraucht einen passenden Schrank
Offenes Wandregalschöner Anblick, schneller ZugriffLicht und Staub schädigen das Garn
Ursprungsschachtelkostenlos, ausreichendunsortiert, Rollen kippen um

Wie lange hält Nähgarn eigentlich? Polyestergarn ist bei dunkler, trockener Lagerung praktisch unbegrenzt haltbar, Baumwollgarn wird nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren spürbar spröde. Kritisch sind fast immer geerbte oder auf Flohmärkten gekaufte Bestände, weil man ihre Lagerbedingungen nicht kennt. Bei solchen Rollen lohnt der Reißtest vor jedem Projekt, nicht nur beim ersten Mal.

Und wie sortierst du sinnvoll? Nach Farbfamilie, nicht nach Marke oder Stärke. Beim Nähen suchst du fast immer die passende Farbe zum Stoff und selten eine bestimmte Feinheit. Ein zweiter, kleiner Bereich für die Spezialgarne reicht daneben aus. Fadenspulen bewahrst du am besten zusammen mit der zugehörigen Rolle auf, dann suchst du nicht jedes Mal nach der passenden Farbe für den Unterfaden.

Häufige Garnprobleme an der Maschine

Wenn eine Naht nicht funktioniert, ist selten das Garn allein schuld. Trotzdem lohnt es, es früh zu prüfen, weil der Test schnell geht.

Reißt der Oberfaden ständig, gehst du in dieser Reihenfolge vor: neu einfädeln bei angehobenem Nähfuß, damit der Faden in die Spannungsscheiben fällt, dann Nadel wechseln, dann Oberfadenspannung reduzieren. Erst danach wechselst du die Garnrolle. Bildet sich auf der Unterseite ein Fadensalat, liegt das fast immer am Oberfaden, nicht an der Spule, weil der Oberfaden bei zu geringer Spannung nicht in den Stoff gezogen wird.

Ein Sonderfall, der viele Stunden kostet: Manche älteren Garnrollen haben eine Kerbe am Rand, in die das Fadenende eingehängt wird. Läuft die Rolle beim Nähen so, dass der Faden über diese Kerbe abgezogen wird, hakt er dort bei jeder Umdrehung kurz ein und die Naht bekommt unregelmäßige Stiche. Dreh die Rolle in so einem Fall einfach um, dann liegt die Kerbe unten.

Und was tun bei Fusseln im Greifer? Das ist typisch für billiges oder sehr altes Garn und ein deutliches Signal zum Wechseln. Reinige den Greiferbereich danach gründlich, wie in den Nähmaschinen-Basics beschrieben, sonst wandern die Reste in die nächste Naht.

Häufige Fragen zu Nähgarn

Was bedeutet die Zahl auf der Garnrolle?

Meist die metrische Nummer Nm. Sie gibt an, wie viele Meter Garn ein Gramm wiegen, deshalb gilt: je höher die Zahl, desto feiner das Garn. Das ist genau umgekehrt zur Nadelstärke, wo eine höhere Zahl eine dickere Nadel bedeutet. Nm 120 ist ein sehr feines Garn, Nm 30 ein dickes.

Welche Garnstärke für die Nähmaschine?

Für die meisten Alltagsprojekte Nm 100 bis 120, das ist der Bereich der üblichen Allesnäher. Für dicke Stoffe wie Jeans oder Canvas nimmst du Nm 30 bis 50, für sehr feine Stoffe wie Chiffon oder Seide Nm 120 und feiner. Wichtig ist, dass Garnstärke und Nadelstärke zusammenpassen.

Polyester oder Baumwolle: welches Nähgarn?

Polyester für fast alles, weil es reißfest ist, leicht nachgibt und nicht verrottet. Baumwollgarn nimmst du für reine Baumwollprojekte, für Patchwork und für alles, was heiß gebügelt oder gefärbt wird. Auf dehnbaren Stoffen ist Baumwolle die schlechtere Wahl, weil sie nicht mitgibt.

Welches Nähgarn für Jersey und dehnbare Stoffe?

Ein normales Polyestergarn reicht meist aus, wenn du mit Zickzack oder Overlockstich nähst, denn die Dehnung kommt dann aus der Stichform. Elastisches Nähgarn brauchst du nur für Sonderfälle wie Smoken oder für sehr stark gedehnte Bündchen. Für die Overlock gibt es eigene, feinere Garne auf großen Konen.

Wie bewahrt man Nähgarn richtig auf?

Staubgeschützt, trocken und vor allem vor Licht geschützt. UV-Licht macht Garn über Jahre spröde, und die Farbe bleicht sichtbar aus. Eine geschlossene Box oder ein Schubladeneinsatz ist deshalb besser als das offene Wandregal, so dekorativ das auch aussieht.

Warum reißt mein Nähgarn ständig?

Die häufigsten Ursachen sind eine zu hohe Oberfadenspannung, eine falsch eingefädelte Maschine, eine stumpfe Nadel oder altes, sprödes Garn. Prüfe in dieser Reihenfolge: neu einfädeln, Nadel wechseln, Spannung reduzieren. Bleibt es dabei, teste dieselbe Naht mit einer frischen Garnrolle.