Vlieseline: die Stärken-Tabelle und welche Einlage wofür
H180, H250, H630, G700, S320: Die Nummern auf den Vlieseline-Packungen wirken wie ein Geheimcode. Dabei folgen sie einer klaren Logik aus Buchstabe, Gewicht und Einsatzzweck. Hier steht die komplette Tabelle plus die Bügeltechnik, an der die meisten scheitern.
Mein erster Taschenboden war so labberig, dass die fertige Tasche in sich zusammengefallen ist wie ein nasser Sack. Ich hatte Vlieseline verwendet, aber die falsche: H200, weil sie gerade da lag. Für einen Kragen wäre das richtig gewesen, für einen Taschenboden brauchte es das Vierfache an Festigkeit. Seitdem weiß ich, dass die Nummer auf der Packung keine Deko ist. Was die Zahlen bedeuten und welche Einlage in welches Projekt gehört, steht hier komplett.
Schneide dir von jeder Vlieseline, die du kaufst, ein Stück von 10 mal 10 Zentimetern ab, bügle es auf einen Reststoff und schreib die Nummer mit Textilstift daneben. Nach fünf Projekten hast du eine Musterkarte, die dir jede Tabelle erspart, weil du den Griff direkt vergleichen kannst.
Was ist Vlieseline überhaupt?
Vlieseline ist ein Markenname der Firma Freudenberg, kein Materialbegriff. Im deutschen Sprachraum ist daraus ein Gattungswort geworden, ähnlich wie Tempo für Papiertaschentücher. Wer eine Bügeleinlage sucht, sagt Vlieseline, auch wenn im Regal etwas anderes liegt.
Der Sinn dahinter ist immer derselbe: Eine dünne Schicht wird auf die Stoffrückseite gebügelt und gibt ihm Stand, Form oder Volumen. Ein Kragen bleibt aufrecht, ein Gürtel knickt nicht ein, ein Taschenboden trägt Gewicht. Unterschieden wird nach Aufbau. Vliese bestehen aus ungerichteten, verklebten Fasern und tragen ein H im Namen. Gewebeeinlagen sind wie Stoff aus Kette und Schuss gewebt und tragen ein G. Dazu kommen Sonderformen mit S für Schabracke und einzelne Produkte mit eigenen Namen.
Und warum überhaupt eine Einlage statt einfach dickeren Stoff? Weil die Einlage nur dort sitzt, wo Stand gebraucht wird, und der Rest weich bleibt. Ein Hemd mit steifem Kragen und fließendem Rücken bekommst du anders nicht hin.
Übrigens: Vilene und Pellon sind keine Konkurrenzmarken, sondern derselbe Hersteller unter anderem Namen für andere Märkte. Wer im Ausland einkauft, bekommt also dasselbe Produkt mit fremdem Etikett.
Die Stärken-Tabelle: welche Vlieseline wofür
Die wichtigste Orientierung ist das Flächengewicht in Gramm pro Quadratmeter. Je höher die Zahl, desto fester und schwerer das Ergebnis. Diese Tabelle deckt die Typen ab, die im Handel tatsächlich verbreitet sind.
| Typ | Gewicht | Aufbau | Wofür |
|---|---|---|---|
| G785 | 30 g/m² | Gewebe, kreuzelastisch | fließende und transparente Stoffe, ganze Blusenvorderteile |
| H180 | 37 g/m² | Vlies, sehr leicht | Kleinteile auf empfindlichen Stoffen, Viskose, Acetat |
| H609 | rund 40 g/m² | Wirkware, bi-elastisch | Jersey und Sweat, Bündchenkanten, Applikationen |
| F220 | rund 43 g/m² | Vlies, weich | leichte, dünne Verstärkung mit Elastizität |
| H410 | rund 43 g/m² | Vlies mit Längsfäden | Jackenvorderteile, Kragen, Taschen, gegen Verziehen |
| H200 | 45 g/m² | Vlies, leicht | Kragen und Manschetten an Blusen und Hemden |
| G710 | 55 g/m² | Gewebe | Kragen und Manschetten auf leichter Webware |
| H250 | 62 g/m² | Vlies, fest | geformte Bündchen, Gürtel, Bastelarbeiten |
| H630 | 86 g/m² | Volumenvlies | Patchwork, Krabbeldecken, leichte Quilts |
| G700 | 90 g/m² | Gewebe, schwer | formstabile Kleinteile, Blusen und Hemden |
| S320 | 115 g/m² | Schabrackeneinlage | Taschen, Hüte, Gürtel, Utensilos |
| H640 | 132 g/m² | Volumenvlies, dick | Winterjacken, schwere Steppdecken |
Und wie liest man das im Laden? Über den Buchstaben und die Hunderterstelle. H ist Vlies, G ist Gewebe, S ist Schabracke. Innerhalb der H-Reihe steigt mit der Zahl grob die Festigkeit, wobei die 600er-Nummern für Volumen stehen und nicht für Stand. Das ist die ganze Systematik.
H180 und H200: die leichten Einlagen
H180 mit 37 g/m² ist die leichteste gängige Bügeleinlage und für empfindliche Stoffe gedacht, bei denen jede feste Einlage sofort auftragen würde. Viskose, Acetat und Cupro sind ihre typischen Partner.
H200 wiegt 45 g/m² und ist die klassische Wahl für Kragen und Manschetten an Blusen und Hemden. Sie bleibt weich im Griff, gibt aber genug Halt, damit ein Kragen nicht schlapp herunterhängt. Wann nimmst du welche? Faustregel: Je dünner und weicher dein Oberstoff, desto leichter die Einlage. Eine feste Einlage auf feinem Stoff sieht immer nach Pappe aus, und rückgängig machen lässt sich das nur mühsam.
H250: fest, formstabil und nicht unumstritten
H250 wiegt 62 g/m², besteht zu 60 Prozent aus Polyester und zu 40 Prozent aus Zellulose und ist laut Hersteller für geformte Bündchen, Gürtel und textile Bastelarbeiten gedacht. Sie ist bis 60 Grad waschbar.
Woher kommt dann ihr Ruf als Allzweckwaffe? Vermutlich daher, dass sie in fast jedem Kurzwarenregal liegt und in vielen älteren Anleitungen steht.
Sie gilt vielen als die Standard-Vlieseline, und genau das ist der Punkt, an dem ich ehrlich sein will: Diese Einordnung kommt aus dem Sprachgebrauch von Shops und Nähblogs, nicht vom Hersteller. Mindestens ein bekannter Nähblog widerspricht ausdrücklich und beschreibt H250 als dünn und papierartig, in der Kleidungsverarbeitung inzwischen überholt. Meine Erfahrung liegt dazwischen: Für Utensilos, Gürtel und alles Gebastelte ist H250 super, für Kleidung greife ich lieber zu H200 oder H410. Probier beide an deinem Stoff, bevor du dich festlegst.
H410, H630 und H640: Fäden und Volumen
H410 ist eine Sonderform: ein Vlies mit eingearbeiteten Längsfäden. Diese Fäden verhindern, dass sich ein Teil in der Länge verzieht oder ausleiert, und genau deshalb sitzt sie in Jackenvorderteilen, Kragen und Taschen. Mit rund 43 g/m² bleibt sie dabei erstaunlich weich.
Wann brauchst du überhaupt Längsfäden? Immer dann, wenn eine Kante Zug bekommt und sich sonst längt, etwa an einer Knopfleiste oder an einer Jackenkante.
Die 600er-Nummern machen etwas anderes: Sie geben Volumen statt Stand. H630 mit 86 g/m² ist das Standard-Volumenvlies für Patchwork, Krabbeldecken und leichte Quilts. H640 mit 132 g/m² ist fast doppelt so schwer und kommt in Winterjacken, dicke Steppdecken und Taschen, die sichtbar Fülle haben sollen.
Eine Warnung, die selten irgendwo steht: Für Topflappen sind H630 und H640 nicht gedacht. Sie sind normale Volumenvliese ohne besondere Hitzebeständigkeit. Dafür gibt es Thermolam, ein verfestigtes Vlies mit Wärmeisolierung, das nicht aufgebügelt, sondern eingenäht wird. Wer Topflappen mit normalem Volumenvlies näht, hält am Ende heißes Blech mit Polyesterwatte in der Hand.
Gewebeeinlagen G700 und G785: Fadenlauf beachten
Der wichtigste Unterschied zu den H-Vliesen: Gewebeeinlagen haben einen Fadenlauf. G700 wird laut Herstellerangabe ausdrücklich in Längsrichtung zugeschnitten, passend zum Fadenlauf des Oberstoffs. Wer sie quer zuschneidet, bekommt ein Teil, das sich anders verhält als der Stoff darüber.
G700 wiegt 90 g/m² und besteht aus reiner Baumwolle, G710 ist mit 55 g/m² die leichtere Schwester. Beide sind formstabil und laufen laut Hersteller beim Waschen nicht ein. G785 fällt aus der Reihe: 30 g/m², reines Polyester und kreuzelastisch, gedacht für fließende und transparente Stoffe wie Seide oder Viskose, wo man ganze Vorderteile unterlegen will, ohne dass der Fall verloren geht.
Warum überhaupt Gewebe statt Vlies? Weil sich eine Gewebeeinlage wie Stoff verhält und mit dem Oberstoff zusammenarbeitet. Bei hochwertigen Blusen und Hemden merkt man den Unterschied im Griff deutlich.
S320 und Decovil: die festen für Taschen
Sobald etwas wirklich stehen soll, reichen die H-Nummern nicht mehr. S320 ist eine leichte Schabrackeneinlage mit 115 g/m², erkennbar an ihrer Lochstruktur, und die richtige Wahl für kleine Körbe, Hüte, Gürtel und Utensilos.
Wie fest muss es sein? Faustregel: Soll das Teil ohne Inhalt von selbst stehen, brauchst du Decovil. Soll es nur nicht in sich zusammenfallen, reicht S320.
Noch fester wird es mit Decovil. Decovil I light liegt bei 240 g/m², Decovil I bei 390 g/m². Beide fühlen sich lederartig an, sind reißfest und formstabil und werden ausdrücklich für Taschenböden empfohlen. Der Unterschied zu S320: Decovil wirkt gummiartiger und bringt weniger zusätzliches Volumen mit, S320 fühlt sich typischer nach Vlieseline an. Und wenn du Polsterung statt Steifigkeit brauchst, gibt es Style-Vil, eine Schaumstoffeinlage von etwa 4 bis 5 Millimetern, die allerdings keinen Kleber hat und eingenäht werden muss.
Vlieseline aufbügeln: pressen statt schieben
Die Klebeseite ist die raue Seite mit den kleinen glänzenden Punkten. Du erkennst sie mit den Fingerspitzen, sie fühlt sich körnig an, während die andere Seite glatt ist. Diese Seite kommt auf die linke Stoffseite, also auf die Rückseite.
Dann kommt der Schritt, an dem die meisten Fehler passieren. Das Bügeleisen wird aufgesetzt und gepresst, nicht geschoben. Pro Abschnitt 8 bis 12 Sekunden halten, dann anheben und den nächsten Abschnitt nehmen, immer von der Mitte nach außen. Die Temperatur liegt bei etwa 150 bis 160 Grad, also Stufe 2 bis 3, bei empfindlichen Kunstfasern eher darunter. Statt mit reinem Dampf zu arbeiten, empfiehlt der Hersteller ein feuchtes Bügeltuch, das gibt gleichmäßigere Ergebnisse.
Warum pressen statt schieben? Beim Schieben wandert das Vlies unter dem Eisen mit und wirft Falten, die sich hinterher nicht mehr lösen lassen. Aufsetzen, halten, abheben.
Und dann heißt es warten. Das Teil muss 20 bis 30 Minuten flach liegend auskühlen, bevor du es bewegst oder weiterverarbeitest. Erst dann ist die Klebeverbindung wirklich fest. Ich habe diesen Schritt jahrelang übersprungen und mich gewundert, warum sich die Einlage nach der zweiten Wäsche löste.
Die vier häufigsten Fehler beim Aufbügeln
Fast alles, was mit Vlieseline schiefgeht, lässt sich auf vier Ursachen zurückführen. Und drei davon passieren beim Bügeln, nicht beim Nähen.
| Problem | Ursache | Was hilft |
|---|---|---|
| Vlies klebt am Bügeleisen | falsche Seite nach oben oder zu heiß | Klebeseite nach unten, Temperatur senken, Bügeltuch nutzen |
| Einlage löst sich nach dem Waschen | zu kurz, zu kalt oder mit zu wenig Druck gebügelt | 8 bis 12 Sekunden pressen, danach flach auskühlen lassen |
| Blasen unter der Einlage | geschoben statt gepresst, Restfeuchte im Stoff | von der Mitte nach außen, Stoff vorher trocknen |
| Klebepunkte zeichnen sich vorn ab | auf der rechten Stoffseite gebügelt oder Stoff zu dünn | immer auf die Rückseite, bei feinem Stoff leichtere Einlage |
Und was ist der häufigste Anfängerfehler? Ungeduld beim Auskühlen. Der Kleber braucht die halbe Stunde wirklich.
Zwei Rettungen für den Notfall. Klebt Vlies am Bügeleisen, reibst du die abgekühlte Sohle mit einem feuchten Tuch und etwas Spülmittel ab. Und sitzt die Einlage falsch, erhitzt du sie ohne Druck noch einmal und rubbelst sie mit der feuchten Ecke eines Tuchs ab, meist geht sie rückstandslos wieder herunter.
H609 und Formband: für Dehnbares und schräge Kanten
Für dehnbare Stoffe funktionieren normale Vliese nicht, weil sie die Dehnung blockieren. H609 löst das: eine bi-elastische Wirkeinlage mit rund 40 g/m², die sich in beide Richtungen mitdehnt. Sie ist die richtige Wahl, wenn du Jersey oder Sweat verstärken willst, etwa an Knopfleisten oder Bündchenkanten, ohne dass der Stoff seine Elastizität verliert.
Warum nicht einfach ein normales Vlies auf Jersey? Weil es die Dehnung blockiert und die Naht beim ersten Anziehen platzt.
Das Formband ist etwas ganz anderes und wird oft übersehen. Es ist ein schmales, schräg geschnittenes Band von 12 Millimetern Breite mit einem eingearbeiteten Kettenstich, und es stabilisiert genau die Kanten, die sich sonst ausleiern: Halsausschnitte, Armausschnitte, Schulternähte. Wer schon einmal einen Ausschnitt hatte, der nach drei Wochen ausgeleiert war, kennt das Problem, das dieses Band löst.
Verstärken ohne Vlieseline: geht das?
Ja, und manchmal ist es sogar die bessere Lösung. Wenn keine Einlage im Haus ist, kannst du den Oberstoff doppelt legen, Futterstoff einsetzen oder einen leichten, einfarbigen Baumwollstoff als Verstärkung unterlegen. Für schwere Stoffe nimmst du robustere Baumwolle, für feine Stoffe zum Beispiel Seidenchiffon.
Wann lohnt sich der Verzicht? Bei Naturfaser-Projekten, die komplett ohne Kunststoff auskommen sollen, und bei allem, was später oft heiß gewaschen wird.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis ist der Jeansbund: doppelt aus dem Oberstoff genäht plus ein schräg zugeschnittenes Baumwollband innen. Das stabilisiert, füttert hautfreundlich und schließt die Kante sauber ab, ganz ohne Kleber. Für Taschen gilt das nur eingeschränkt, dort ersetzt kein Stoff die Steifigkeit von S320 oder Decovil. Und welche Einlage brauchst du für Webware-Projekte wie Hemden? Meist G700 oder H200, je nachdem wie fest der Kragen werden soll. Weiteres Werkzeug sammle ich im Bereich Nähzubehör.
Häufige Fragen zu Vlieseline
Welche Seite der Vlieseline klebt?
Die raue Seite mit den kleinen glänzenden Klebepunkten. Du erkennst sie mit den Fingerspitzen: Die glatte Seite fühlt sich gleichmäßig an, die Klebeseite körnig. Diese Seite kommt immer auf die linke Stoffseite, also die Rückseite.
Wie bügelt man Vlieseline richtig auf?
Bei etwa 150 bis 160 Grad, also Stufe 2 bis 3. Das Bügeleisen wird aufgesetzt und gepresst, nicht geschoben, jeweils 8 bis 12 Sekunden pro Abschnitt. Arbeite von der Mitte nach außen und lass das Teil danach 20 bis 30 Minuten flach auskühlen, bevor du weiternähst.
Wofür nimmt man H250?
H250 wiegt 62 g/m² und ist eine feste, formstabile Einlage für geformte Bündchen, Gürtel und Bastelarbeiten. In der Kleidungsverarbeitung ist sie umstritten: Manche Nähblogs halten sie für zu papierartig und greifen lieber zu H200 oder H410.
Was ist der Unterschied zwischen H- und G-Vlieseline?
H steht für Vlieseinlage aus ungerichteten, verklebten Fasern, G für Gewebeeinlage mit Kette und Schuss wie bei einem Stoff. Bei G-Einlagen musst du den Fadenlauf beachten und in Längsrichtung zuschneiden, bei H-Vliesen spielt die Richtung meist keine Rolle.
Warum löst sich die Vlieseline nach dem Waschen?
Fast immer wurde zu kurz, zu kalt oder mit zu wenig Druck gebügelt. Auch Restfeuchte im Stoff und zu frühes Bewegen des Teils verhindern, dass der Kleber richtig abbindet. Halte Zeit, Temperatur und Druck ein und lass alles flach auskühlen.
Ist aufgebügelte Vlieseline waschbar?
Ja, aber die Temperatur hängt vom Typ ab. H200 ist bis 40 Grad waschbar, H250 und G700 bis 60 Grad. Bleichen ist bei keinem dieser Typen erlaubt, und in den Trockner gehören sie laut Datenblatt ebenfalls nicht.