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Stoffkunde

Stoffarten von A bis Z: die große Übersicht

Es gibt hunderte Stoffnamen, aber nur drei Arten, wie ein Stoff überhaupt entstehen kann. Wer dieses System einmal verstanden hat, sortiert jeden neuen Stoffnamen selbst ein, statt Listen auswendig zu lernen.

Gefaltete Stoffe in vielen kräftigen Farben zu einem Fächer gestapelt.

Am Anfang habe ich Stoffnamen auswendig gelernt wie Vokabeln. Popeline, Batist, Panama, Cretonne, Renforcé. Im Stoffladen half mir das genau null, weil auf den Rollen andere Namen standen als in meiner Liste. Irgendwann hat mir eine Verkäuferin den entscheidenden Satz gesagt: Es gibt nur drei Arten, wie ein Stoff hergestellt wird, alles andere ist Faser, Bindung und Gewicht. Seitdem brauche ich keine Liste mehr. Diese Systematik steht hier, mit allem, was du zum Einsortieren brauchst.

Marlenes Tipp

Zieh jeden unbekannten Stoff einmal quer auseinander. Gibt er deutlich nach und schnellt zurück, ist es Maschenware. Bleibt er stur, ist es Webware. Diese zwei Sekunden beantworten mehr Fragen als jeder Name auf dem Etikett.

Welche Stoffarten gibt es? Die drei Grundgruppen

Jeder Stoff gehört in eine von drei Gruppen: Webware, Maschenware oder Vliesstoff. Der Unterschied liegt allein darin, wie die Fäden zusammengehalten werden, und daraus folgt fast alles andere, von der Dehnbarkeit bis zur Frage, ob die Schnittkante ausfranst.

Webware entsteht auf dem Webstuhl aus zwei Fadensystemen, die sich rechtwinklig kreuzen. Maschenware entsteht aus Schlingen, die ineinandergreifen, entweder als Gestrick aus einem einzigen fortlaufenden Faden oder als Gewirke aus vielen parallelen Fäden gleichzeitig. Vliesstoff hat gar keine Fadenstruktur, dort werden lose Fasern verklebt, verschweißt oder vernadelt. Deshalb franst Vlies auch nicht und lässt sich in jede Richtung schneiden.

GruppeAufbauDehnbarkeitTypische Vertreter
Webware (Gewebe)Kett- und Schussfäden kreuzen sich im rechten Winkelkaum, nur diagonalPopeline, Canvas, Denim, Leinen, Musselin
Maschenware: Gestrickein Faden bildet fortlaufend MaschenreihenhochStrickstoff, Grobstrick, Ripp
Maschenware: Gewirkeviele Fäden bilden gleichzeitig MaschenhochJersey, Trikot, Interlock
VliesstoffFasern verklebt, verschweißt oder vernadeltkeineBügeleinlagen, Volumenvlies

Was folgt daraus für die Praxis? Sehr viel. Webware franst an der Schnittkante und muss versäubert werden, Maschenware franst nicht, rollt sich dafür ein. Webware nähst du mit Geradstich und Universalnadel, Maschenware braucht einen dehnbaren Stich und eine Nadel mit runder Spitze. Wer das verwechselt, bekommt geplatzte Nähte oder Wellen im Saum. Genau daran habe ich als Anfängerin zwei Shirts verloren.

Kleiner Vollständigkeitshinweis: Fachlich gibt es noch mineralische Naturfasern, klassisch Asbest. Für alles, was auf einem Nähtisch landet, spielt diese Gruppe keine Rolle, deshalb bleibt sie hier außen vor.

Gewebearten: die drei Grundbindungen

Innerhalb der Webware entscheidet die Bindung über Charakter und Haltbarkeit. Es gibt drei Grundbindungen, und jeder gewebte Stoff der Welt ist eine davon oder eine Ableitung.

Der Begriff Gewebeart meint übrigens die Textilseite, nicht die Biologie. Wer nach Gewebearten sucht, landet schnell bei Muskel- und Nervengewebe, gemeint ist hier ausschließlich die Webtechnik.

BindungWie die Fäden laufenEigenschaftTypische Stoffe
Leinwandbindungabwechselnd über und unter jedem Gegenfaden, wie ein Schachbrettdichteste Verkreuzung, sehr scheuerfest, beide Seiten gleich, mattLeinen, Popeline, Musselin, Batist
KöperbindungBindungspunkte diagonal versetzt, sichtbarer Schrägratreißfest und formstabil, knittert weniger, fällt weicherDenim, Twill, Gabardine, Anzugstoffe
Atlas- oder SatinbindungFäden überspringen mehrere Gegenfäden, wenige Bindungspunktesehr glatt und glänzend, aber empfindlicher gegen ScheuernSatin, Duchesse, Futterstoffe

Aus diesen drei Grundbindungen leiten sich alle weiteren ab. Panamabindung ist eine Leinwandbindung, bei der jeweils zwei Fäden gemeinsam laufen, daher das gröbere Karo. Ripsbindung ist ebenfalls Leinwand, nur mit unterschiedlich dicken Fäden, wodurch feine Querrippen entstehen. Und Denim ist nichts anderes als Köper mit gefärbter Kette und weißem Schuss. Neue Stoffnamen sind also fast nie neue Techniken, sondern Varianten von etwas, das du längst kennst.

Woran erkennst du die Bindung? Schau von schräg oben auf die Oberfläche. Ein gleichmäßiges Gitter ohne Richtung ist Leinwandbindung. Feine diagonale Linien von links unten nach rechts oben sind Köper, das sieht man an jeder Jeans. Und wenn die Oberfläche glatt glänzt und du kaum einzelne Kreuzungspunkte erkennst, hast du Satin vor dir. Bei Denim funktioniert der Test besonders gut, weil dort die Kette eingefärbt und der Schuss weiß ist.

Drei gewebte Stoffe in Beige und Mintgrün mit deutlich sichtbarer Gewebestruktur.

Fasern: woraus Stoffe bestehen

Die zweite Sortierebene ist die Faser. Sie entscheidet über Griff, Pflege und Klimaverhalten, während die Herstellungsart über Dehnbarkeit und Verarbeitung entscheidet. Beide Angaben zusammen beschreiben einen Stoff vollständig.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die viele Etiketten verschleiern: Viskose, Modal und Lyocell klingen natürlich und werden aus Holz gewonnen, sind aber Chemiefasern. Der Fachbegriff ist Regeneratfaser. Der Rohstoff ist Zellulose, die Faser selbst entsteht erst im chemischen Verfahren. Eine echte Naturfaser wird dagegen nur gereinigt, gekämmt und versponnen.

GruppeFasernWas sie auszeichnet
Naturfaser pflanzlichBaumwolle, Leinen, Hanf, Ramie, Jutesaugfähig, atmungsaktiv, knittert, kann einlaufen
Naturfaser tierischWolle, Seide, Alpaka, Kaschmir, Mohairtemperaturausgleichend, filzempfindlich, Handwäsche
Regeneratfaser aus ZelluloseViskose, Modal, Lyocell, Acetatweich, fließender Fall, kühl, nass empfindlicher
SynthetikfaserPolyester, Polyamid, Polyacryl, Elasthanreißfest, formstabil, trocknet schnell, wärmer am Körper

Und woran merkst du im Alltag, welche Gruppe du vor dir hast? Am Verhalten bei Wärme und Feuchtigkeit. Pflanzenfasern saugen Feuchtigkeit auf und fühlen sich dann klamm an, Synthetik transportiert sie weiter und trocknet schnell. Tierfasern gleichen Temperatur aus und nehmen Gerüche kaum an. Regeneratfasern fallen fließend und fühlen sich kühl an, verlieren aber nass an Festigkeit, weshalb Viskose im Schonwaschgang gehört. Das ist keine Theorie, das merkst du am ersten heißen Tag im falschen Shirt.

Was auf dem Etikett steht, ist übrigens keine Höflichkeit des Herstellers. Die Faserzusammensetzung ist EU-weit durch die Verordnung 1007/2011 geregelt und muss in Landessprache und Prozent angegeben werden. Die Pflegesymbole daneben sind dagegen freiwillig, sie werden von der Organisation GINETEX vergeben und sind in Deutschland gesetzlich nicht vorgeschrieben. Deshalb findest du auf manchen Meterwaren keine Symbole, aber praktisch immer eine Faserangabe.

Stoffarten nach Verwendung: Kleidung und Bettwäsche

Für Kleidung entscheidet vor allem die Dehnbarkeit. Alles, was am Körper anliegt und Bewegung mitmachen soll, wird aus Maschenware genäht: T-Shirts, Leggings, Sweatshirts, Kinderkleidung. Alles, was Form halten soll, kommt aus Webware: Hemden, Blusen, Hosen, Blazer, Taschen.

Bei Bettwäsche ist die Auswahl kleiner und die Namen sind eingespielt. Renforcé ist eine leichte, matte Leinwandbindung und der Klassiker fürs ganze Jahr. Perkal ist dichter gewebt und fühlt sich kühler an. Biber ist angeraut und deshalb der typische Winterstoff. Und Jersey-Bettwäsche ist Maschenware, weich wie ein T-Shirt, elastisch und bügelfrei. Was davon das Richtige ist, hängt weniger vom Stoff als von der Schlaftemperatur ab: Wer schnell schwitzt, ist mit Perkal besser dran als mit Biber.

Und wie viel Stoff brauchst du? Für ein einfaches Erwachsenen-Shirt aus 150 cm breitem Stoff rechnest du grob mit 1,0 bis 1,5 Metern, für eine Bettwäschegarnitur mit deutlich mehr. Ich kaufe grundsätzlich 20 Zentimeter mehr als berechnet, weil Baumwolle beim ersten Waschen eingeht und ein knapper Zuschnitt sich nicht mehr retten lässt. Die 20 Zentimeter kosten wenig. Ein zu kurzes Vorderteil kostet den ganzen Stoff.

Für Deko und Wohntextilien gelten wieder andere Regeln. Vorhänge brauchen Stoffe, die schwer genug fallen und nicht ausbleichen, Kissenhüllen und Sitzauflagen eher strapazierfähige Gewebe in Leinwand- oder Köperbindung. Alles, was oft gewaschen wird oder Zug abbekommt, gehört auf die schwerere Seite der Gewichtstabelle weiter unten.

Grauer Leinenstoff in weichen Falten drapiert.

Stoffe erkennen und bestimmen: die Praxis-Tests

Drei Tests reichen, um einen unbekannten Stoff einzuordnen: der Dehn-Test für die Herstellungsart, der Blick auf die Oberfläche für die Bindung und die Brennprobe für die Faser. Für die ersten beiden brauchst du nichts außer den Händen.

Und in welcher Reihenfolge? Immer von grob nach fein. Erst ziehen, dann schauen, dann erst brennen. Der Dehn-Test klärt in zwei Sekunden die wichtigste Frage überhaupt, nämlich Webware oder Maschenware, und die entscheidet über Nadel, Stich und Versäubern. Die Faser interessiert dich erst danach, weil sie nur Pflege und Griff betrifft, nicht die Verarbeitung.

Die Brennprobe machst du an einem kleinen Schnipsel über einer feuerfesten Schale, niemals am ganzen Stück. Sie ist der einzige Test, der die Faser wirklich verrät, wenn kein Etikett mehr dran ist. Und sie funktioniert erstaunlich zuverlässig, weil sich die vier Fasergruppen deutlich unterschiedlich verhalten.

FaserVerhalten in der FlammeGeruchRückstand
Baumwolle, Leinenentzündet sich leicht, brennt ruhig weiterverbranntes Papierhelle, feine Asche, zerfällt
Viskose, Modalwie Baumwolle, brennt aber deutlich schneller abverbranntes Papierhelle Asche, sehr wenig
Wolle, Seidebrennt langsam, erlischt nach Entfernen der Flammeverbrannte Haarekrümelig, schwarz, blasig
Polyesterschmilzt und brennt weitersüßlich, chemischharte braune Kugel
Polyamidschmilzt, brennt schwer weiterschwach chemischharte braune Kugel

Der Merksatz dazu ist kurz: Papiergeruch und zerfallende Asche heißt Pflanzenfaser, Haargeruch und krümeliger Rest heißt Tierfaser, harte Kugel heißt Kunstfaser. Bei Mischgewebe siehst du beides gleichzeitig, dann bleibt ein teilweise geschmolzener Rest mit Asche daran. Ehrlich gesagt mache ich die Brennprobe selten, weil bei mir fast nie das Etikett fehlt. Bei Flohmarkt-Stoffen und geerbten Resten ist sie aber Gold wert.

Stoffgewicht und Fadenlauf: die zwei Angaben, die im Laden zählen

Das Stoffgewicht in Gramm pro Quadratmeter sagt dir mehr über die Eignung als jeder Stoffname. Leichte Stoffe liegen bis etwa 150 g/m², mittelschwere zwischen 150 und 250, alles darüber ist schwer. Feste Grenzwerte gibt es dafür nicht, das ist Branchenkonvention und schwankt je nach Händler.

StoffÜbliches GewichtWofür
Baumwollpopeline110 bis 145 g/m²Blusen, Hemden, Kleider
Musselin125 bis 135 g/m²Sommerkleidung, Tücher
Baumwolljersey150 bis 220 g/m²T-Shirts, Kinderkleidung
French Terry, Sweat230 bis 280 g/m²Pullover, Hoodies
Canvasab etwa 190 g/m², beschichtet bis 480Taschen, Rucksäcke, Deko
Denim10 bis 12 oz, also rund 340 bis 400 g/m²Hosen, Jacken, Röcke

Die zweite Angabe ist der Fadenlauf, und den siehst du auf keinem Etikett. Er verläuft parallel zur Webkante, also der festen, oft etwas dickeren Längskante der Stoffbahn. In dieser Richtung dehnt sich der Stoff am wenigsten, quer dazu ein bisschen mehr, und diagonal im 45-Grad-Winkel am meisten. Genau diesen Schrägschnitt nutzt man für Schrägband und für Röcke, die fließen sollen.

Warum das wichtig ist? Weil ein Schnittteil, das quer statt längs zugeschnitten wurde, sich beim Tragen langzieht und nie wieder in Form kommt. Bei mir hat sich das an einem Rock gerächt, der nach drei Wochen vorne fünf Zentimeter länger war als hinten. Der Fadenlaufpfeil auf dem Schnittmuster ist keine Zierde, er gehört exakt parallel zur Webkante gelegt.

Wo du weiterliest: die Stoffkunde im Detail

Diese Übersicht ist der Einstieg, die Details stehen in den Einzelartikeln. Zu jedem Stoff, den ich hier nur streife, wächst nach und nach ein eigener Beitrag mit Pflege, Nähtipps und den typischen Fehlern.

Womit fängst du an? Mit den zwei Grundfamilien, nicht mit dem Stoff, der gerade auf deinem Tisch liegt. Wer versteht, warum Maschenware sich dehnt und Webware nicht, ordnet jeden weiteren Namen von allein ein. Danach ist ein neues Stoffetikett keine Prüfung mehr, sondern nur noch eine Information: Machart, Faser, Gewicht. Drei Angaben, und du weißt, welche Nadel du brauchst und ob der Stoff für dein Projekt taugt.

Angefangen habe ich mit den zwei Familien, die alles andere erklären: Jersey steht für die gesamte Maschenware und zeigt, warum gestrickte Stoffe dehnbar sind und sich an der Kante einrollen. Webware steht für die gewebte Seite und erklärt, warum diese Stoffe formstabil sind und ausfransen. Wer beide Artikel gelesen hat, hat die halbe Stoffkunde intus. Alle weiteren Stoffarten sammeln sich in der Stoffkunde, passendes Werkzeug im Bereich Nähzubehör, und wo ich meine Stoffe kaufe, steht unter Stoffe kaufen.

Häufige Fragen zu Stoffarten

Welche Stoffarten gibt es?

Nach Herstellung unterscheidet man drei Gruppen: Webware wie Popeline, Canvas oder Denim, Maschenware wie Jersey, Ripp und Sweat, sowie Vliesstoffe wie Bügeleinlagen. Alles Weitere ist eine Frage der Faser und der Bindung. Wer diese drei Gruppen kennt, kann jeden Stoff einsortieren.

Was ist der Unterschied zwischen Gewebe und Gewirke?

Ein Gewebe entsteht aus zwei Fadensystemen, die sich im rechten Winkel kreuzen, und dehnt sich kaum. Ein Gewirke entsteht aus vielen parallel laufenden Fäden, die zu Maschen verschlungen werden, und ist dehnbar. Gestricke sind ebenfalls Maschenware, entstehen aber aus einem einzigen fortlaufenden Faden.

Wie erkenne ich, aus welcher Faser ein Stoff besteht?

Über die Brennprobe an einem kleinen Stoffschnipsel. Baumwolle und Viskose riechen nach verbranntem Papier und hinterlassen helle Asche, Wolle und Seide riechen nach verbrannten Haaren und hinterlassen krümelige schwarze Reste. Polyester und Polyamid schmelzen zu einer harten Kugel und riechen chemisch.

Was bedeutet die Angabe g/m² bei Stoffen?

Sie gibt das Flächengewicht an, also wie viel ein Quadratmeter des Stoffs wiegt. Leichte Stoffe liegen bis etwa 150 g/m², mittelschwere zwischen 150 und 250 g/m², schwere darüber. Baumwollpopeline hat um 130 g/m², ein T-Shirt-Jersey 150 bis 180 g/m², Sweat um 280 g/m².

Wie finde ich den Fadenlauf?

Der gerade Fadenlauf verläuft parallel zur Webkante und ist die Richtung, die sich am wenigsten dehnt. Zieh den Stoff einmal längs und einmal quer: Die straffere Richtung ist der Fadenlauf. Diagonal im 45-Grad-Winkel ist jeder Webstoff am dehnbarsten, das nutzt man für Schrägband.

Sind Viskose und Modal Naturfasern?

Nein. Viskose, Modal, Lyocell und Acetat sind Chemiefasern auf Zellulosebasis, sogenannte Regeneratfasern. Der Rohstoff ist Holz und damit natürlich, die Faser selbst entsteht aber erst in einem chemischen Verfahren. Echte Naturfasern werden nur gereinigt und versponnen, nicht chemisch aufgelöst.