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Stoffkunde

Lyocell Stoff: Was ist das, Tencel und Eigenschaften

Auf dem Etikett steht Tencel, auf dem nächsten Lyocell, und ich hab lange gedacht, das wären zwei verschiedene Stoffe. Was Lyocell wirklich ist, wie er sich von Tencel unterscheidet, und worauf du bei Pflege und Kauf achten solltest, steht hier.

Heller, fein fließender Lyocell-Stoff.

Lyocell taucht mittlerweile in halb der Kleidung im Schrank auf, meist unter dem Markennamen Tencel, aber kaum jemand kann auf Anhieb sagen, was dahintersteckt. Was Lyocell chemisch ist, wie er hergestellt wird, und was ihn im Alltag von anderen Stoffen unterscheidet, steht hier.

Marlenes Tipp

Lyocell ist im nassen Zustand deutlich empfindlicher als trocken. Wring frisch gewaschene Teile nie aus, sondern lass das Wasser einfach abtropfen, sonst verformt sich die Faser dauerhaft.

Was ist Lyocell für ein Stoff

Lyocell ist eine Faser aus Zellulose, gewonnen meist aus Eukalyptus- oder Buchenholz, die in einem speziellen Lösungsmittelverfahren zu Fasern versponnen wird. Chemisch zählt Lyocell damit zu den Regeneratfasern, einer Zwischenkategorie: Der Rohstoff stammt aus der Natur, die Faser selbst entsteht aber erst durch einen industriellen Prozess, anders als bei Baumwolle oder Leinen, die direkt als Naturfaser wachsen.

Das Ausgangsholz stammt in der Regel aus zertifizierter, schnell nachwachsender Forstwirtschaft. Diese Herkunft ist einer der Hauptgründe, warum Lyocell in den letzten Jahren als nachhaltigere Alternative zu Baumwolle vermarktet wird, deren Anbau deutlich mehr Wasser und Fläche braucht.

Genau diese Herkunft aus Holz statt aus einer Feldpflanze führt auch häufig zu Verwechslungen. Lyocell wird in Suchanfragen und Alltagssprache manchmal fälschlich für eine reine Naturfaser gehalten, weil Holz selbst natürlich ist. Chemisch entscheidend ist aber der Weg vom Rohstoff zur fertigen Faser: Bei Baumwolle wächst die Faser direkt an der Pflanze und wird nur noch gereinigt, bei Lyocell muss die Zellulose erst aus dem Holz herausgelöst und neu versponnen werden. Das macht Lyocell zu einer Regeneratfaser, keiner Naturfaser im engeren Sinn, auch wenn der Rohstoff pflanzlich bleibt.

In dieselbe Familie der Regeneratfasern gehören auch Viskose und Modal, die alle auf Zellulose als Ausgangsstoff basieren, sich aber im genauen Herstellungsverfahren unterscheiden. Lyocell sticht innerhalb dieser Gruppe durch das geschlossene Lösungsmittelverfahren heraus, das im nächsten Abschnitt genauer erklärt wird, und gilt deshalb allgemein als die umweltschonendere Variante der drei.

MerkmalLyocellBaumwolle
FasertypRegeneratfaser aus Zellulosereine Naturfaser
RohstoffHolz, meist Eukalyptus oder BucheBaumwollpflanze
Wasserbedarf Anbaugeringhoch

Tencel: die Markenversion von Lyocell

Zwischen Lyocell und Tencel gibt es in der Faser selbst keinen Unterschied. Tencel ist schlicht der eingetragene Markenname, unter dem die österreichische Lenzing AG ihre Lyocell-Fasern verkauft, ähnlich wie Tempo eine Marke für Papiertaschentücher ist. Lyocell bleibt die generische, herstellerunabhängige Bezeichnung des Fasertyps an sich.

Für dich als Näherin bedeutet das: Ein Etikett mit Tencel garantiert Lyocell-Fasern von Lenzing mit deren spezifischer Qualitätskontrolle, während ein Etikett mit nur „Lyocell" auch Fasern anderer Hersteller meinen kann. In der Praxis unterscheiden sich beide Varianten für den Alltagsgebrauch kaum spürbar.

Verwirrender wird es, wenn auf einem Etikett „Tencel Lyocell" gemeinsam steht, was auf den ersten Blick nach zwei unterschiedlichen Materialien aussieht. Gemeint ist damit nur die vollständige, korrekte Bezeichnung: Tencel als Markenname, Lyocell als der dazugehörige generische Fasertyp, beide Begriffe nebeneinander auf demselben Stück Stoff.

Dass ausgerechnet ein österreichisches Unternehmen den bekanntesten Markennamen für diese Fasern hält, ist für einen heimischen Nähblog eine schöne Randnotiz: Lenzing AG mit Sitz in Oberösterreich zählt weltweit zu den größten Herstellern von Zellulosefasern und hat mit Tencel eine echte globale Erfolgsmarke aus einem kleinen Ort im Salzkammergut heraus aufgebaut.

Die kommerzielle Lyocell-Produktion begann bereits Anfang der 1990er-Jahre, zunächst unter britischer Führung, bevor Lenzing das Verfahren übernahm und mit dem Markennamen Tencel international ausbaute. Für ein Fasermaterial, das heute in unzähligen Kollektionen von Fast Fashion bis Outdoor-Bekleidung auftaucht, ist das eine vergleichsweise junge Geschichte, die meisten klassischen Naturfasern werden seit Jahrtausenden verarbeitet.

Cremefarbener, seidig glänzender Lyocell-Stoff in Falten.

Herstellung: das Closed-Loop-Verfahren

Das Besondere an der Lyocell-Herstellung ist das sogenannte Closed-Loop-Verfahren: Das Lösungsmittel, mit dem die Zellulose aus dem Holz aufgelöst wird, wird nach dem Spinnprozess zu über 99 Prozent zurückgewonnen und erneut eingesetzt. Dadurch entstehen deutlich weniger chemische Abfälle als bei älteren Verfahren zur Herstellung von Viskose, wo das Lösungsmittel meist nicht im Kreislauf geführt wird.

Genau dieses Verfahren ist auch der Grund, warum Lyocell als gesundheitlich unbedenklich gilt und sogar für Babykleidung verwendet wird. Weil das Lösungsmittel fast vollständig aus der fertigen Faser entfernt wird, bleiben keine relevanten Rückstände zurück, anders als bei manchen chemisch intensiver behandelten Fasern.

Nach dem Spinnen wird die noch feuchte Faser in Bündeln geschnitten, gewaschen und getrocknet, bevor sie zu Garn versponnen und schließlich verwebt oder verstrickt wird. Der gesamte Weg vom Holzchip bis zum fertigen Meterware-Stoff läuft dabei deutlich kontrollierter ab als bei klassischer Viskose, wo mehr Chemikalien im Prozess verbraucht und teils nicht zurückgewonnen werden.

Eigenschaften: kühlend, aber nicht komplett schweißfrei

Lyocell fühlt sich seidig-kühl auf der Haut an und nimmt Feuchtigkeit deutlich besser auf als viele synthetische Fasern. Diese Feuchtigkeitsaufnahme ist auch der Grund, warum viele Sommerkleidung aus Lyocell als angenehm kühlend beschreiben, gerade im Vergleich zu Polyester, das Feuchtigkeit eher auf der Hautoberfläche hält.

Komplett schweißfrei ist aber kein Stoff, auch Lyocell nicht. Der Unterschied liegt darin, wie der Schweiß verarbeitet wird: Lyocell transportiert Feuchtigkeit von der Haut weg und verteilt sie über eine größere Fläche, wo sie schneller verdunsten kann, statt sich an einer Stelle zu stauen.

In puncto Elastizität ist Lyocell eher zurückhaltend. Die Faser selbst dehnt sich kaum, weshalb Kleidung aus reinem Lyocell oft mit einem kleinen Anteil Elasthan gemischt wird, wenn Bewegungsfreiheit gefragt ist, etwa bei enger geschnittenen Hosen.

Beim Nähen selbst merkt man den geringen Griff schnell: Reiner Lyocell-Stoff fällt weich und fließend, ähnlich wie Viskose, rutscht dabei aber unter der Nähmaschine leicht. Eine feine Universalnadel und ein niedriger Nähfußdruck helfen, damit sich der Stoff beim Zuschnitt und Nähen nicht unkontrolliert verzieht. Ich lege bei glattem Lyocell inzwischen immer Stecknadeln quer statt längs zur Naht, seitdem verrutscht beim Nähen deutlich weniger.

EigenschaftAusprägung bei Lyocell
Griffseidig, weich, kühl
Feuchtigkeitsaufnahmehoch, gutes Schweißmanagement
Elastizitätgering, oft mit Elasthan gemischt
Knitteranfälligkeitgering bis mittel

Nachteile und ob Lyocell gesundheitsschädlich ist

Gesundheitlich unbedenklich heißt nicht frei von praktischen Nachteilen. Lyocell ist im nassen Zustand empfindlicher als viele andere Fasern und neigt bei falscher Pflege eher zu Fusselbildung an Reibestellen, etwa unter den Achseln oder an Hosentaschen. Auch der Preis liegt meist über dem von reiner Baumwolle, weil das Herstellungsverfahren aufwendiger ist.

Bei mir war das erste Lyocell-Shirt nach zwei Wäschen im normalen Programm an den Nahtstellen leicht angeraut. Seitdem wandert alles mit diesem Fasermix bei mir in den Schonwaschgang, seither hab ich das Problem nicht mehr gehabt.

Von echter Gesundheitsschädlichkeit kann bei zertifizierter Ware keine Rede sein. Die Sorge dahinter bezieht sich meist auf das Lösungsmittel aus der Herstellung, das aber, wie im Closed-Loop-Verfahren beschrieben, fast vollständig zurückgewonnen wird und nicht in relevanten Mengen in der fertigen Faser verbleibt.

Ein weiterer, oft unterschätzter Nachteil ist die Neigung zum sogenannten Fibrillieren: Bei starker Reibung, etwa im Waschgang oder durch häufiges Tragen an denselben Stellen, können sich winzige Fasern an der Oberfläche lösen und einen leicht rauen, manchmal fusseligen Griff erzeugen. Hochwertigere Lyocell-Qualitäten sind eigens gegen diesen Effekt behandelt, günstigere Ware zeigt ihn nach einigen Wäschen deutlicher.

Waschen und Pflege richtig angehen

Lyocell wäschst du am besten im Schonwaschgang bei niedriger Temperatur, laut Pflegeetikett meist 30 Grad. Weil die Faser im nassen Zustand strukturell empfindlicher ist, sollte auch die Schleuderzahl niedrig bleiben, hohe Drehzahlen begünstigen genau die Fusselbildung, die Lyocell ohnehin schon etwas anfälliger macht als robustere Fasern.

Der Trockner ist bei Lyocell tabu, stattdessen liegend oder auf dem Bügel an der Luft trocknen. Wer diese beiden Regeln einhält, also niedrige Temperatur und kein Trockner, bekommt mit Lyocell einen Stoff, der überraschend lange seine ursprüngliche Optik behält.

Bügeln geht bei niedriger bis mittlerer Temperatur problemlos, am besten leicht feucht, weil die Faser dann glatter reagiert als komplett trocken. Ein direktes, heißes Bügeleisen ohne Zwischentuch kann bei Lyocell schneller zu Glanzstellen führen als bei robusteren Baumwollgeweben, ein dünnes Bügeltuch dazwischen schützt zuverlässig.

Nicht für dich, wenn du das hier vorhast

Für ein Projekt, das viel mechanischer Reibung ausgesetzt ist, etwa eine Arbeitshose oder eine Tasche, die täglich stark beansprucht wird, ist Lyocell nicht die robusteste Wahl. Ein strapazierfähigeres Gewebe wie Canvas oder eine feste Baumwollware hält solcher Dauerbelastung deutlich besser stand.

Auch wenn du auf Nummer sicher gehen willst und wenig Zeit für Pflegehinweise hast, ist Lyocell eher unpraktisch. Wer Wäsche grundsätzlich bei 60 Grad wäscht und alles in den Trockner wirft, wird mit dieser Faser dauerhaft wenig Freude haben, dort ist ein pflegeleichteres Mischgewebe die bessere Wahl.

Und für ein Nähprojekt mit sehr engem Zeitrahmen, bei dem der Stoff sofort nach dem Kauf verarbeitet werden soll, lohnt sich ein Blick ins Kleingedruckte: Manche günstigeren Lyocell-Qualitäten aus dem Ausverkauf sind bereits beim Kauf leicht schräg gewebt, was sich erst beim Zuschnitt bemerkbar macht. Ein kurzer Test an der Webkante vorm Zuschneiden erspart hier Frust im Nachhinein.

Kurz zusammengefasst

Lyocell ist eine Regeneratfaser aus Holzzellulose, Tencel schlicht die Markenversion davon aus dem oberösterreichischen Lenzing. Für den Alltag reicht dieses Grundwissen völlig, den Rest erledigt das richtige Waschprogramm. Die Faser kühlt angenehm und nimmt Feuchtigkeit gut auf, ist aber im nassen Zustand empfindlich und gehört in den Schonwaschgang statt in den Trockner. Wie sich verwandte Zellulosefasern schlagen, steht im Artikel zu Rayon, und einen Überblick über festere, robustere Alternativen findest du im Stoffarten-Überblick.

Häufige Fragen zu Lyocell Stoff

Was ist Lyocell für ein Stoff?

Eine Faser aus Zellulose, meist aus Eukalyptus- oder Buchenholz gewonnen, die in einem geschlossenen Lösungsmittelkreislauf zu Fasern versponnen wird. Chemisch zählt Lyocell zu den Regeneratfasern, nicht zu den reinen Naturfasern wie Baumwolle oder Leinen.

Was ist der Unterschied zwischen Lyocell und Tencel?

Keiner in der Faser selbst, Tencel ist der eingetragene Markenname für Lyocell-Fasern der österreichischen Lenzing AG. Lyocell ist die generische Bezeichnung des Fasertyps, Tencel die Markenware davon.

Ist Lyocell gesundheitsschädlich?

Nein, Lyocell gilt als unbedenklich und wird sogar für Babykleidung verwendet. Das Lösungsmittel aus der Herstellung wird im Closed-Loop-Verfahren fast vollständig zurückgewonnen und bleibt nicht in der fertigen Faser zurück.

Wie fühlt sich Lyocell an und schwitzt man darin?

Lyocell fühlt sich seidig-kühl an und nimmt Feuchtigkeit besonders gut auf, was das Schwitzgefühl im Vergleich zu synthetischen Fasern deutlich reduziert. Komplett schweißfrei ist aber kein Stoff, auch Lyocell nicht.

Wie wäscht man Lyocell richtig?

Meist im Schonwaschgang bei niedriger Temperatur laut Pflegeetikett, da die Faser im nassen Zustand empfindlicher ist als trocken. Schleudern mit hoher Drehzahl und Trockner sollten vermieden werden, um Einlaufen und Fransen vorzubeugen.