Velours-Stoff: Unterschied zu Samt und Pflege
Velours, Samt, Nicki, Cord und Plüsch sind alle dasselbe Prinzip und trotzdem fünf verschiedene Stoffe. Eine einzige Zahl trennt sie, und die gilt nicht für den Stoff, für den die meisten sie halten.
Mein erstes Veloursprojekt war ein Kissenbezug, und er sah aus, als hätte ich zwei verschiedene Stoffe verwendet. Vorderseite hell, Rückseite dunkel, obwohl beides vom selben Meter kam. Ich hatte die Schnittteile gedreht, um Stoff zu sparen. Bei jedem anderen Stoff wäre das clever gewesen.
Nimm Stecknadeln ohne Glaskopf und zieh sie so früh wie möglich wieder heraus. Die dicken Köpfe hinterlassen im Flor Druckstellen, und je länger sie stecken, desto hartnäckiger. Clips sind hier übrigens keine bessere Alternative, sie drücken flächig noch mehr.
Was ist Velours technisch?
Velours gehört zu den Florgeweben. Das bedeutet: Auf der rechten Warenseite stehen Fasern aus dem Gewebe ab, der sogenannte Flor oder Pol.
Wie entsteht dieser Flor? Über ein drittes Fadensystem. Zusätzlich zu Kette und Schuss wird ein weiterer Faden in Schlingen eingebracht, und diese Schlingen werden anschließend aufgeschnitten. Danach folgt ein Schervorgang mit rotierenden Messern, der den Flor auf gleichmäßige Länge bringt.
Das wirtschaftlich wichtigste Verfahren dabei ist der Doppelplüsch. Dabei entstehen auf der Webmaschine gleichzeitig zwei Gewebe übereinander, verbunden durch die Polkette, die abwechselnd in die obere und untere Lage geführt wird. Zum Schluss werden die Polfäden in der Mitte zerschnitten, die Lagen getrennt, und aus einem Arbeitsgang kommen zwei fertige Veloursbahnen.
Die 3-Millimeter-Grenze und was sie wirklich definiert
Hier liegt der Kern der ganzen Verwirrung. Es gibt eine klare Zahl, aber sie definiert nicht das, was die meisten denken.
Fachlich definiert ist nämlich nur Samt: Er hat höchstens 3 Millimeter Florhöhe. Alles, was darüber liegt, heißt Plüsch oder Velours. Die Zahl ist also eine Obergrenze für Samt, keine Untergrenze für Velours. Wer schreibt, Velours habe eine bestimmte Florhöhe, behauptet mehr, als die Quellenlage hergibt.
Und ist die Grenze normiert? Nein. Die Fachliteratur nennt sie als "genau definiert", aber es gibt keine DIN, EN oder ISO dazu. Es ist Branchenkonvention, keine Vorschrift. Entsprechend uneinheitlich verwendet der Handel die Begriffe.
Velours, Samt, Nicki, Cord und Plüsch im Vergleich
Die praktisch nützlichere Unterscheidung ist nicht die Florhöhe, die du im Laden ohnehin nicht messen kannst, sondern die Konstruktion. Webware oder Maschenware, das erklärt in einem Satz, warum sich manche dieser Stoffe dehnen und andere nicht.
| Konstruktion | Flor | Dehnbarkeit | |
|---|---|---|---|
| Samt | Webware | maximal 3 mm | gering |
| Velours (gewebt) | Webware | über 3 mm | gering, außer mit Elasthan |
| Velours (Maschenware) | Maschenware | Polfaden oder nur angeraut | hoch |
| Nicki | Maschenware | kurz und dicht | hoch |
| Cord | Webware, Schusssamt | max. 3 mm, in Längsrippen | gering |
| Plüsch | Web- oder Maschenware | über 3 mm, weniger dicht | je nach Konstruktion |
Cord ist dabei der Sonderfall. Fachlich heißt er Rippensamt und ist im Gegensatz zu den anderen ein Schusssamt. Die Rippen entstehen, weil die Florschüsse nicht durchgehend eingebunden werden, sondern über gewisse Strecken flott liegen. Diese Technik heißt Hohlschuss, und das Verhältnis von angebundenen zu flottliegenden Bereichen bestimmt die Rippenbreite. Daher kommen die Handelsnamen Babycord, Feincord und Breitcord.
Und Nicki? Da widersprechen sich die Quellen offen. Der Handel führt ihn als Velours-Variante, die Fachliteratur ordnet ihn dem Plüsch zu. Beide Zuordnungen sind im Umlauf, eine entscheidende Instanz gibt es nicht. Unstrittig ist nur das Konstruktionsmerkmal: Nicki ist gestrickt oder gewirkt und deshalb dehnbar.
Woher kommt der Name?
Aus dem Französischen, entlehnt im 19. Jahrhundert. Velours heißt dort schlicht Samt, und genau das ist der Grund für die deutsche Begriffsverwirrung.
Die Wortwurzel geht weiter zurück: über mittelfranzösisch velous und altfranzösisch velo(u)s auf lateinisch villosus, also zottig oder haarig, abgeleitet von villus, dem Zottelhaar. Die Kette führt vom Tierhaar über das Zottige zum Samtigen, was zur Oberfläche passt. Das angehängte r im französischen velours ist übrigens etymologisch nicht begründet und kam erst später dazu.
Und was heißt das für den deutschen Sprachgebrauch? Dass Velours hier als Oberbegriff funktioniert. Die Fachliteratur formuliert es selbst so: eine generelle Bezeichnung für unterschiedliche Stoffe mit weicher, samtartiger Oberfläche. Eine geschützte Warenbezeichnung ist es nicht.
Veloursleder ist kein Stoff
Zwei völlig verschiedene Warengruppen tragen denselben Namen, und das sorgt regelmäßig für Fehlkäufe. Veloursleder ist Leder, kein Textil.
Es entsteht, indem die Fleischseite, also die Rückseite der Haut, angeschliffen wird. Damit gehört es zu den Rauledern, dem Sammelbegriff für alle Lederarten mit geschliffener Oberfläche. Der zweite Vertreter dieser Gruppe ist Nubukleder, das von der Narbenseite her geschliffen wird und dadurch feiner und gleichmäßiger wirkt. Veloursleder hat die längeren Fasern und den typischen Schreibeffekt, bei dem sich die Faserrichtung mit dem Finger verändern lässt.
Warum die Verwechslung? Weil textiles Kunstvelours gezielt hergestellt wird, um Wildleder nachzuahmen, und weil auch beim Leder unsauber getrennt wird: Wildleder bezeichnet streng genommen nur Leder von Wildtieren, wird im Alltag aber für jedes Rauleder verwendet. Praktisch relevant ist der Unterschied vor allem bei der Pflege, denn Veloursleder verträgt praktisch kein Wasser und bekommt schwer entfernbare Ränder.
Welches Material für welchen Zweck?
Velours gibt es aus fast jeder Faser, und die Wahl entscheidet über Pflege und Haltbarkeit mehr als über die Optik.
| Material | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|
| Baumwollvelours | hochwertig, verträgt Hitze und Dampf, waschbar | schrumpft spürbar, saugt stark, geringere Scheuerfestigkeit |
| Polyestervelours | scheuerfest, pflegeleicht, knitterarm, formstabil | nur mäßig warm bügeln, neigt zu Glanzstellen |
| Viskosevelours | bester Fall, seidiger Glanz | knittert, geringe Nassfestigkeit, besser in die Reinigung |
| Stretchvelours mit Elasthan | Bewegungsfreiheit ohne Formverlust | braucht Jerseynadel bei Maschenrückseite |
Was nimmst du also? Für Kleidung Baumwolle oder Viskose, für Möbel Polyester. Als besonders hochwertig gilt Baumwollsamt, bei dem sowohl Grundgewebe als auch Flor aus reiner Baumwolle bestehen. Bei Polyestermischungen geht es weniger um Kostenersparnis als um die höhere Scheuerfestigkeit, und genau deshalb sind sie bei Möbelstoffen die Regel.
Eine Warnung zu Baumwollvelours: Er hat den Ruf, stark zu schrumpfen. Ein dokumentierter Test kam auf 2 Zentimeter Einlauf am Probestück. Vorwaschen ist hier keine Empfehlung, sondern Pflicht.
Die Strichrichtung: der wichtigste Punkt
Florgewebe haben einen Strich. Streichst du in Strichrichtung, legt sich der Flor glatt. In die Gegenrichtung sträuben sich die Härchen spürbar.
Erkennen kannst du ihn, indem du entlang der Webkante über den Stoff streichst. Und warum ist das so wichtig? Weil der Flor Licht richtungsabhängig reflektiert. Zwei Schnittteile aus demselben Stoff wirken unterschiedlich hell, wenn sie gegenläufig zugeschnitten wurden. Genau das war mein Kissenbezug.
Die eine harte Regel lautet deshalb: Alle Schnittteile müssen dieselbe Strichrichtung haben. Leg sie so aus, dass die unteren Kanten alle in dieselbe Richtung zeigen, auch wenn das mehr Stoff kostet.
Welche Richtung die richtige ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Fachliteratur und erfahrene Näherinnen nennen den Strich nach oben als Standard, also vom Saum in Richtung Bund. Dann liegt der Flor glatt und die Farbe wirkt dunkler und satter. Andere sehen es als reine Stilentscheidung. Verbindlich ist nur die Einheitlichkeit, die Richtung selbst ist eine Frage der gewünschten Farbwirkung.
Velours nähen ohne Verrutschen
Das Hauptproblem beim Nähen heißt Flor auf Flor. Wenn zwei Florseiten aufeinanderliegen, greifen die Härchen ineinander und die Lagen wandern beim Nähen gegeneinander.
| Einstellung | Empfehlung |
|---|---|
| Nadel | fein, Stärke 70 oder 80 |
| Nadel bei Pannesamt | Jerseynadel wegen Maschenrückseite |
| Stichlänge | etwa 2,5 mm |
| Garn | normales Nähgarn |
| Nährichtung | möglichst in Strichrichtung |
| Fixieren | Nadeln quer zur Naht oder von Hand heften |
Was hilft gegen das Verschieben wirklich? Ein Obertransportfuß, weil er beide Stofflagen synchron führt. Ohne ihn steckst du die Nadeln quer zur Nahtlinie oder heftest die Lagen beidseitig der Naht mit kleinen Handstichen. Bei elastischen Stoffen lohnt zusätzlich ein reduzierter Nähfußdruck, konkrete Zahlenwerte nennt für Velours allerdings keine Quelle, weil die Skalen je Maschine unterschiedlich sind.
Zwei Dinge solltest du bleiben lassen. Das Kopierrädchen hinterlässt Markierungen, die auf der Außenseite sichtbar bleiben. Und Wonderclips drücken flächig in den Flor, weshalb erfahrene Näherinnen davon abraten, obwohl sie bei anderen heiklen Stoffen die erste Wahl wären. Für Knopflöcher fasst du oben und unten ein Stück Organza mit und schneidest es danach dicht neben den Stichen ab.
Bügeln ohne Glanzstellen
Ein Bügeleisen direkt auf den Flor ist der sicherste Weg, einen Veloursstoff zu ruinieren. Druck und Hitze drücken den Flor platt, und es entstehen Glanzstellen, die kaum zurückgehen.
Der Grund ist konstruktionsbedingt: Florgewebe sind druckempfindlich, und die Empfindlichkeit nimmt mit der Florhöhe zu. Das Profi-Werkzeug dagegen ist ein Nadelbrett, auch Samtbügelbrett genannt, mit senkrecht stehenden Metallnadeln. Der Stoff kommt mit der Florseite nach unten darauf, der Flor taucht zwischen die Nadeln und wird nicht gequetscht.
Und ohne Nadelbrett? Es gibt eine erstaunlich gute Behelfslösung: Leg ein Reststück Velours mit der Florseite nach oben auf das Bügelbrett und darauf das zu bügelnde Teil mit der Florseite nach unten. Die Härchen greifen ineinander und stützen sich gegenseitig. Auch ein Biberbetttuch oder ein Frottiertuch funktioniert. Gebügelt wird von links, mit wenig Druck und mehr Dampf. Baumwollsamt verträgt Dampf, alle anderen Sorten werden trocken gebügelt.
Waschen, trocknen und den Flor retten
Velours aus Baumwolle oder Synthetik darf in die Maschine, auf links gedreht. Viskose- und Seidenvelours gehören dagegen in die Reinigung.
Bei der Temperatur widersprechen sich die Quellen deutlich, die Spanne reicht von 25 bis 40 Grad. Eine Polsterei-Fachseite rät generell zur Trockenreinigung und nennt bei Handwäsche maximal 25 Grad, während erfahrene Näherinnen Baumwollsamt nach erfolgreichem Teststück bei 40 Grad waschen. Konservativ und sicher sind 30 Grad im Schonwaschgang, im Wäschenetz, und das Pflegeetikett schlägt jede Faustregel.
Zwei Punkte vor der ersten Wäsche: Wasch ein Teststück, denn nicht jeder Velours verträgt die Maschine gleich gut. Und versäubere die Schnittkanten vorher, sonst löst sich so viel Flor, dass die Maschine danach aussieht wie nach einer Flohepidemie. Getrocknet wird flach ausgebreitet und ohne Knicke, nicht im Trockner und nicht auf dem Bügel.
Bekommst du plattgedrückten Flor wieder hoch? Oft ja, mit Dampf und anschließendem Bürsten in Florrichtung. Die Fachliteratur formuliert das allerdings als Prüffrage, nicht als Versprechen: Reiniger sollen vorab testen, ob sich der Flor aufstellen lässt. Bei längerem Flor besteht das Risiko dauerhafter Faserplattung, sichtbar als Sitzspiegel bei Polstern.
Velours als Möbel- und Polsterstoff
Bei Polsterstoffen zählen andere Kriterien als bei Kleidung. Statt Griff und Fall geht es um Polfestigkeit und Scheuerbeständigkeit.
Ein Detail, das im Datenblatt steht und kaum jemand liest, ist die Einbindung des Polfadens. Bei der W-Noppe umschlingt das Polgarn drei Schussfäden, bei der V-Noppe nur einen. Je fester die Noppe eingebunden ist, desto schwerer löst sie sich, und desto strapazierfähiger ist der Stoff. Wer zwischen zwei Veloursstoffen wählt, sollte danach fragen.
| Scheuertouren (Martindale) | Geeignet für |
|---|---|
| 10.000 | privater Wohnbereich, geringe Nutzung |
| 15.000 | privater Wohnbereich, regelmäßige Nutzung |
| 20.000 | öffentlicher Bereich, regelmäßige Nutzung |
| 30.000 | öffentlicher Bereich, starke Nutzung |
| 40.000 | öffentlicher Bereich, sehr starke Nutzung |
Sagt die Zahl alles? Nein, und das relativiert dieselbe Quelle ausdrücklich: Derselbe Stoff auf weicher Polsterung hält mehr aus als auf harter. Für den privaten Wohnbereich gelten mindestens 12.000 Touren als sinnvoll, bei stark beanspruchten Möbeln bis 25.000.
Ein Punkt, der bei Reklamationen zählt: Schattierungen und Sitzspiegel gelten bei Velours ausdrücklich als normale Gebrauchserscheinung, nicht als Mangel. Wer ein Veloursofa kauft, kauft diesen Effekt mit. Wie sich Velours in die übrige Stoffsystematik einordnet, zeigt die Übersicht der Stoffarten von A bis Z, und weil gewebtes Velours eine Webbindung ist, lohnt daneben der Blick auf die Webware-Grundlagen.
Häufige Fragen zu Velours
Was ist der Unterschied zwischen Velours und Samt?
Velours ist französisch für Samt, im deutschen Sprachgebrauch aber ein Oberbegriff für alles Samtartige. Fachlich definiert ist nur Samt: Er hat höchstens 3 Millimeter Florhöhe. Alles darüber heißt Plüsch oder Velours. Eine Norm für diese Grenze gibt es allerdings nicht, sie stammt aus der Fachliteratur.
Ist Nicki dasselbe wie Velours?
Da widersprechen sich die Quellen. Der Handel führt Nicki als Velours-Variante, die textiltechnische Fachliteratur ordnet ihn dem Plüsch zu. Unstrittig ist der Konstruktionsunterschied: Nicki ist Maschenware und damit dehnbar, klassisches Velours und Samt sind Webware und geben kaum nach.
Was ist die Strichrichtung bei Velours?
Der Flor liegt in eine Richtung. Streichst du mit dem Strich, legt er sich glatt, dagegen sträuben sich die Härchen. Weil der Flor Licht richtungsabhängig reflektiert, wirken gegenläufig zugeschnittene Teile unterschiedlich hell. Alle Schnittteile müssen deshalb in dieselbe Richtung gelegt werden.
Warum darf man Velours nicht direkt bügeln?
Weil Druck und Hitze den Flor plattdrücken und Glanzstellen erzeugen. Florgewebe sind konstruktionsbedingt druckempfindlich, und die Empfindlichkeit nimmt mit der Florhöhe zu. Bügle deshalb nur von links, mit wenig Druck und viel Dampf, am besten auf einem Nadelbrett oder einem Reststück Velours.
Welche Nadel und Stichlänge braucht Velours?
Eine feine Nadel in Stärke 70 oder 80 und eine Stichlänge von etwa 2,5 Millimetern. Bei Pannesamt mit Maschenrückseite nimmst du stattdessen eine Jerseynadel. Genäht wird möglichst in Strichrichtung, sonst schiebt sich der Flor unter dem Nähfuß.
Kann man Velours waschen?
Velours aus Baumwolle oder Synthetik ja, auf links gedreht und im Schonwaschgang. Viskose- und Seidenvelours gehören dagegen in die Reinigung. Die empfohlenen Temperaturen reichen je nach Quelle von 25 bis 40 Grad, konservativ sind 30 Grad. Getrocknet wird flach ausgebreitet, nicht im Trockner.