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Stoffkunde

Strickstoff: Eigenschaften, Nadel und Verarbeitung

Strickstoff und Jersey werden im Laden ständig durcheinandergeworfen, dabei liegen zwischen einem dünnen T-Shirt-Jersey und einem schweren Pullover-Strickstoff Welten. Was den Unterschied macht, welche Nadel und Stichlänge zu welchem Gewicht passt, und wie du beides richtig verarbeitest, steht hier.

Dunkelgrauer, strukturierter Strickstoff in Nahaufnahme.

Mein erster selbstgenähter Pullover ist an der Nadel gescheitert, nicht am Schnitt. Ich hatte eine normale Universalnadel benutzt, und der Strickstoff hatte danach eine Reihe kleiner Löcher entlang jeder Naht. Was Strickstoff von Jersey unterscheidet, welche Nadel wirklich passt, welche Stichlänge zu welchem Gewicht gehört, und wie du grobe wie feine Qualitäten verarbeitest, steht hier.

Marlenes Tipp

Teste die Dehnung eines neuen Strickstoffs immer vor dem Zuschnitt, indem du ein 10-cm-Stück quer auseinanderziehst und misst, wie viel dazukommt. Schnittmuster geben oft einen nötigen Mindest-Dehnungsprozentsatz an, und ohne Test kaufst du sonst den falschen Stoff für den falschen Schnitt.

Was ist Strickstoff genau?

Strickstoff ist Maschenware, bei der Schlaufen aus einem oder mehreren Fäden ineinander verschlungen werden, statt wie bei Webware Kett- und Schussfäden im rechten Winkel zu verkreuzen. Genau diese Maschenstruktur gibt Strickstoff seine typische Dehnbarkeit in mehrere Richtungen.

Der englische Fachbegriff für Maschenware insgesamt lautet Jersey, das deutsche Wort „Strickstoff" wird umgangssprachlich aber enger verwendet: meist für die etwas festeren, sichtbar strukturierten Qualitäten, wie sie für Pullover, Cardigans und Strickjacken zum Einsatz kommen, im Unterschied zum dünnen, glatten T-Shirt-Jersey.

Strickware, Wirkware, Jersey: die Systematik dahinter

Alle drei zählen technisch zur Maschenware, unterscheiden sich aber in der Art, wie die Maschen gebildet werden. Bei Strickware, auch Kulierwirkware genannt, verläuft der Faden in Warenquerrichtung und braucht mindestens einen einzelnen Faden.

WarenartFadenverlaufOptikElastizität
Strickware (Kulierware)quer durch die Waregerade Maschenreihenhoch, in beide Richtungen dehnbar
Kettenwirkwarelängs, im ZickzackMaschen leicht schräggeringer als Strickware
Jersey (T-Shirt-Qualität)quer, sehr feine Maschenglatt, kaum sichtbare Maschenhoch, leicht und weich

Kettenwirkware erkennst du daran, dass die Maschen nicht gerade, sondern leicht schräg liegen, und der Stoff insgesamt weniger elastisch ist als klassische Strickware. Jersey wiederum ist eine bestimmte Strickstoff-Art mit besonders feinen Maschen, die je nach Feinheitsgrad kaum noch als einzelne Maschen erkennbar sind. Die Grenzen zwischen den Begriffen sind im Handel fließend, technisch sauber unterschieden wird nur in der Textilindustrie selbst.

Grober, leichter und feiner Strickstoff: was der Unterschied bedeutet

Strickstoff-Meterware wird meist nach Maschengröße und Fadenstärke in grob, mittel und fein unterteilt. Grober Strickstoff hat deutlich sichtbare, große Maschen und eignet sich für lässige Cardigans und Übergangsjacken, feiner Strickstoff wirkt fast wie festerer Jersey und passt zu enganliegenderen Schnitten.

Und was bedeutet das praktisch beim Nähen? Je gröber die Maschen, desto mehr neigt der Stoff zum Ausfransen an der Schnittkante und zum Laufmaschenbilden, wenn ein einzelner Faden reißt. Feinere Qualitäten sind in der Verarbeitung gutmütiger, verzeihen kleinere Nähfehler eher und franzen an der Schnittkante spürbar weniger stark aus.

Blauer Rippstrick in enger Nahaufnahme.

Material: Wolle, Baumwolle und Viskose im Strickstoff

Strickstoff aus Wolle ist warm, elastisch und formstabil, neigt aber je nach Wollanteil zum Filzen bei falscher Wäsche. Baumwoll-Strickstoff ist robuster in der Pflege, dafür weniger elastisch und wärmt spürbar weniger.

Viskose-Strickstoff fällt weicher und fließender als reine Baumwolle, ist aber empfindlicher gegenüber Feuchtigkeit und verliert nasse Form schneller. Für einen ersten Pullover empfiehlt sich deshalb eine Mischung aus Baumwolle mit etwas Elasthan-Anteil, weil sie robust in der Verarbeitung ist und trotzdem genug Dehnung mitbringt.

Synthetische Strickstoffe aus Polyacryl oder Polyester spielen preislich eine wichtige Rolle, weil sie deutlich günstiger sind als Naturfaser-Strickstoff. Ihr Nachteil zeigt sich vor allem beim Tragen: Sie neigen stärker zum Elektrisieren im Winter und lassen die Haut weniger atmen als Wolle oder Baumwolle. Für ein Übergangsprojekt oder ein Kinderkleidungsstück, das ohnehin nur eine Saison hält, ist das oft ein vertretbarer Kompromiss.

Welche Nadel für Strickstoff: der Unterschied zur Universalnadel

Für Strickstoff brauchst du eine Jersey- oder Stretch-Nadel mit runder, sogenannter Ball-Point-Spitze, meist in Stärke 70 bis 90. Die runde Spitze schiebt sich zwischen die vorhandenen Maschen, statt hindurchzustechen, und verhindert dadurch die kleinen Löcher, die eine spitze Universalnadel hinterlässt.

Genau das war mein Anfängerfehler bei meinem ersten Pullover: Eine spitze Universalnadel durchtrennt beim Einstechen Fasern innerhalb der Masche, statt an ihr vorbeizugleiten, und über eine ganze Naht summieren sich diese kleinen Beschädigungen zu sichtbaren Löchern. Für feinere Strickstoffe reicht Stärke 70, für schwerere Pullover-Qualitäten nimmst du 80 bis 90.

Strickstoff-GewichtNadelstärkeStichlängeFadenspannung
Feiner Strickstoff, T-Shirt-Qualität702,5 mm, Stretchstichleicht reduziert
Mittlerer Strickstoff, Kleider75 bis 802,5 bis 3 mmnormal bis leicht reduziert
Grober Strickstoff, Pullover80 bis 903 bis 3,5 mmdeutlich reduziert
Zopfmuster, sehr schwer903,5 mmdeutlich reduziert

Auch der Stich selbst spielt eine Rolle. Ein normaler Geradstich reißt bei Bewegung schnell, weil er selbst nicht mitdehnt. Ein schmaler Zickzackstich oder ein spezieller Stretch- beziehungsweise Overlockstich der Nähmaschine gibt mit dem Stoff mit, ohne dass der Faden dabei reißt. Für lange Nähte, etwa eine Seitennaht am Pullover, ist deshalb die Overlock oder zumindest ein elastischer Maschinenstich fast Pflicht.

Saum ohne Welligkeit: die richtige Technik

Ein gewellter Saum ist das häufigste Problem bei Strickstoff-Projekten. Er entsteht, wenn der Stoff beim Nähen ungewollt gedehnt wird, meist durch zu hohe Fadenspannung oder zu festen Zug beim Führen unter dem Nähfuß.

Ein Doppel- oder Zwillingsnadelsaum bei mittlerer Stichlänge und leicht reduzierter Oberfadenspannung liefert die saubersten Ergebnisse. Zusätzlich hilft ein schmaler Streifen dünnes Bügelvlies im Saumbereich, der die Dehnung während des Nähens begrenzt, ohne die Elastizität des fertigen Saums spürbar einzuschränken. Nähst du den Saum mit der Overlock statt der Haushaltsmaschine, reduziert der Differentialtransport das Wellen zusätzlich, weil er die Stofflagen kontrolliert vorschiebt.

Nahtband und Verstärkung bei Strickstoff

An Stellen, die viel Zug aushalten müssen, etwa Schulternähte oder der Ausschnitt, dehnt sich Strickstoff mit der Zeit sichtbar aus, wenn er nicht stabilisiert wird. Ein eingenähtes Nahtband aus festem, kaum dehnbarem Material begrenzt diese Dehnung dauerhaft.

Fertiges Nahtband gibt es speziell für Strickware zu kaufen, notfalls tut es auch ein schmaler Streifen fester Webware im 45-Grad-Winkel zugeschnitten. Ich verstärke bei jedem Pullover mindestens die Schulternähte, weil genau dort das Gewicht der Ärmel über Monate am stärksten zieht.

Und woran erkennst du überhaupt, dass eine Naht Verstärkung braucht? Zieh den Stoff an der geplanten Nahtstelle probeweise leicht auseinander. Bleibt er nach dem Loslassen sichtbar länger als vorher, wird sich diese Stelle im fertigen Kleidungsstück mit der Zeit ausleiern, ganz besonders bei Strickstoffen mit hohem Wollanteil, die von Natur aus etwas nachgiebiger sind als feste Baumwollqualitäten.

Strickstoff waschen und pflegen

Strickstoff verzeiht Pflegefehler weniger als glatte Webware, weil sich die offene Maschenstruktur leichter verformt oder verfilzt. Bei Wollanteil ist Handwäsche oder ein spezielles Wollwaschprogramm bei niedriger Temperatur Pflicht, sonst filzt der Stoff dauerhaft ein.

Baumwoll- und Viskose-Strickstoffe vertragen meist 30 Grad im Schonwaschgang, sollten aber liegend statt hängend getrocknet werden. Hängst du einen fertigen Pullover zum Trocknen auf einen Bügel, zieht sich das Gewebe an den Schultern durch das Eigengewicht des nassen Stoffs dauerhaft aus, ein Effekt, den du danach nicht mehr rückgängig machen kannst. Ich lege alle meine Strickstoff-Teile flach auf ein Handtuch und rolle sie vorsichtig ein, um überschüssiges Wasser herauszudrücken, bevor sie flach zum Trocknen ausgebreitet werden.

Hochwertige Strickstoffe: worauf du zusätzlich achten kannst

Bei höherpreisigen Strickstoffen, oft mit Zopfmuster oder aufwendiger Struktur direkt eingestrickt statt nachträglich aufgedruckt, lohnt sich ein Blick auf die Rückseite. Ein sauber verarbeiteter Strickstoff zeigt das Muster auch von links, wenn auch meist in umgekehrter Optik, während billigere Imitate oft nur einseitig strukturiert sind.

Zopfmuster-Strickstoff als Meterware ist zudem meist schwerer und dicker als glatter Strickstoff, was beim Nähen mehr Stichlänge und eine kräftigere Nadel verlangt, ähnlich wie bei echtem Grobstrick. Für ein erstes Projekt ist ein einfacher, glatter Strickstoff ohne Musterung der leichtere Einstieg.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Kantenstabilität beim Zuschnitt. Hochwertiger Strickstoff franst an der Schnittkante deutlich langsamer aus als billige Ware, weil die Fäden fester ineinander verschlungen sind. Ziehst du testweise an einer offenen Schnittkante, sollte sich nur wenig Faser lösen. Löst sich dagegen sofort ein ganzer Wollflocken-Büschel, ist das ein Hinweis auf eine lockere, minderwertige Bindung, die sich auch im fertigen Kleidungsstück schneller abnutzt.

Nicht für dich, wenn du das hier vorhast

Für eng anliegende, körperbetonte Schnitte wie enge Leggings ist grober Strickstoff die falsche Wahl. Er ist meist zu unelastisch in eine der beiden Dehnrichtungen und zu dick, um sich glatt an den Körper zu legen, ganz anders als feiner, hochelastischer Jersey.

Auch für Sommerkleidung ist schwerer Wollstrickstoff ungeeignet, weil er zu warm hält und in der Pflege aufwendiger ist als leichte Baumwoll- oder Viskosequalitäten. Und wer nur eine einzige, unkomplizierte Meterware für viele verschiedene Projekte sucht, ist mit einfachem Baumwoll-Jersey meist besser bedient als mit strukturiertem Strickstoff, der spezifischere Ansprüche an Nadel und Saumtechnik stellt.

Kurz zusammengefasst

Strickstoff ist Maschenware wie Jersey, aber meist schwerer, strukturierter und für Pullover statt T-Shirts gedacht. Eine Ball-Point-Nadel in Stärke 70 bis 90 verhindert Löcher, ein Doppelnadelsaum mit reduzierter Spannung verhindert Welligkeit, und flaches Trocknen statt Aufhängen erhält am Ende die Passform. Wie sich Strickstoff von echtem Jersey im Detail unterscheidet, steht im Jersey-Artikel, und für einen wärmenden Wollstoff mit ganz eigenen Pflegeregeln lohnt sich der Blick auf Wollwalk. Wer regelmäßig Pullover näht, profitiert außerdem von einer eigenen Overlock-Nähmaschine, die viele der hier beschriebenen Probleme mit Welligkeit und Fadenspannung von vornherein umgeht.

Häufige Fragen zu Strickstoff

Was ist Strickstoff genau?

Ein Sammelbegriff für Maschenware, bei der Schlaufen aus einem oder mehreren Fäden ineinander verschlungen werden. Der englische Fachbegriff für Maschenware insgesamt ist Jersey, Strickstoff im deutschen Alltagsgebrauch meint meist die etwas festere, oft grobmaschigere Pullover-Qualität.

Was ist der Unterschied zwischen Strickstoff und Jersey?

Jersey ist im Deutschen der Name für eine bestimmte, meist feine und leichte Strickstoff-Qualität, wie sie für T-Shirts verwendet wird. Strickstoff bezeichnet umgangssprachlich eher die schwereren, sichtbar strukturierten Qualitäten für Pullover und Cardigans. Technisch sind beide Maschenware, nur mit unterschiedlicher Maschengröße und Fadenstärke.

Welche Nadel braucht man für Strickstoff?

Eine Jersey- oder Stretch-Nadel mit runder, sogenannter Ball-Point-Spitze in Stärke 70 bis 90, je nach Stoffgewicht. Die runde Spitze schiebt sich zwischen die Maschen statt sie zu durchstechen und verhindert damit Laufmaschen und kleine Löcher.

Wie vernäht man den Saum bei Strickstoff ohne Welligkeit?

Mit einem Doppel- oder Zwillingsnadelsaum bei mittlerer Stichlänge und leicht reduzierter Fadenspannung, damit der Stoff beim Nähen nicht gedehnt wird. Ein stabilisierendes Nahtband oder ein Streifen dünnes Bügelvlies im Saumbereich verhindert zusätzlich, dass sich die Kante später wellt.

Kann man Strickstoff als Meterware für einen Pullover verwenden?

Ja, das ist der klassische Einsatzzweck von Strickstoff-Meterware. Wichtig ist, die Dehnung des konkreten Stoffs vor dem Zuschnitt zu testen und das Schnittmuster danach auszuwählen, weil Strickstoffe je nach Bindung sehr unterschiedlich stark dehnbar sind.