BH selber nähen: Material, Größe und Technik
Ein BH besteht aus mehr Einzelteilen als ein ganzes Shirt, und trotzdem ist der Einstieg leichter als sein Ruf. Entscheidend ist, mit welchem Typ du anfängst und ob du die Dehnrichtung der Stoffe verstanden hast.
Mein erster selbstgenähter BH war ein Bügel-BH. Rückblickend eine schlechte Idee. Ich hatte fünf verschiedene Materialien auf dem Tisch, ein Schnittmuster in Konfektionsgröße gewählt und mich gewundert, warum der Bügel seitlich in die Rippen pikste. Der Fehler saß nicht im Bügel, sondern im zu kleinen Cup. Beim zweiten Versuch habe ich mit einem Bralette angefangen und den Rest von unten aufgebaut. Genau diese Reihenfolge steht hier.
Näh deinen ersten BH aus billigem Powernet und einfachem Tüll als Probemodell, nicht aus der schönen Spitze. Passform prüfen, Schnitt anpassen, und erst das zweite Exemplar wird das gute. Bei einem Kleidungsstück, das so eng am Körper sitzt, spart dir dieser Zwischenschritt den größten Frust.
BH selber nähen: für wen sich das lohnt
Einen BH selbst zu nähen lohnt sich vor allem dann, wenn Konfektionsgrößen bei dir nicht passen. Wer zwischen zwei Größen liegt, eine sehr kleine oder sehr große Oberweite hat oder asymmetrisch gebaut ist, bekommt beim Selbernähen etwas, das der Handel schlicht nicht anbietet.
Der zweite Grund ist Materialqualität. Du entscheidest, welche Spitze an der Haut liegt und wie fest das Unterbrustband wird. Und der dritte Grund ist banal: Es macht Spaß, weil jedes Teil klein ist und schnell fertig wird. Ist es günstiger als kaufen? Ehrlich gesagt selten. Die Zutaten summieren sich, und einen belastbaren Preisvergleich habe ich für BHs nicht gefunden. Wer wegen des Sparens anfängt, hört schnell wieder auf.
In welcher Reihenfolge wird genäht?
Ein BH wird von innen nach außen gebaut: zuerst die Cups zusammensetzen, dann die Cups an das Unterbrustband, dann die Kanten mit Falzgummi einfassen, dann Träger und Verschluss, und ganz zum Schluss wird der Bügel eingeschoben. Diese Reihenfolge ist keine Geschmackssache, sondern ergibt sich daraus, dass der Bügelkanal erst existiert, wenn Cup und Band verbunden sind.
Warum lohnt es sich, das zu wissen, bevor du anfängst? Weil viele Anleitungen mitten im Ablauf einsteigen und du sonst mit fertig eingefasstem Cup dastehst und dich fragst, wie der Bügel da noch hineinkommt. Er kommt gar nicht mehr hinein. Dann heißt es auftrennen.
Plane für den ersten BH einen ganzen Nachmittag ein, nicht zwei Stunden. Die einzelnen Nähte sind kurz, aber das Zuschneiden der vielen Kleinteile und das saubere Anlegen der Gummis brauchen Zeit. Ab dem dritten Exemplar bist du deutlich schneller.
Welcher BH-Typ für den Anfang?
Fang mit einem bügellosen Modell an, also einem Bralette, Triangel- oder Soft-BH. Diese Typen brauchen weniger unterschiedliche Materialien und verzeihen kleine Ungenauigkeiten deutlich besser. Der Bügel-BH ist der schwierigste Typ, weil sich dort jeder Millimeter im Sitz bemerkbar macht.
Und warum nicht gleich mit Bügel starten? Weil dort fünf Materialien, ein Bügelkanal und eine exakte Cup-Passung gleichzeitig stimmen müssen. Ein Bralette hat drei Teile. Der Lerneffekt ist derselbe, der Frust deutlich kleiner.
Bei den Cup-Formen unterscheidet man grob vier Varianten: Balconnet deckt etwa die Hälfte bis drei Viertel der Brust und hebt stark an, Plunge hat einen kurzen Mittelsteg und zeigt viel Dekolleté, Demi deckt drei Viertel, und Full Coverage deckt vollständig und gibt den meisten Halt. Je mehr Formnähte ein Modell hat, desto anspruchsvoller wird es. Für kleinere Oberweiten funktionieren Triangel-Formen und vertikale Teilungen besonders gut.
Material: Powernet, Tüll und Spitze
Das wichtigste Material ist Powernet, auch Powermesh genannt. Es ist der stabilste gängige BH-Stoff, wird auch für Shapewear verwendet und gibt dem Rückenteil seinen Halt. Erhältlich ist es mittelschwer mit etwa 150 bis 300 g pro laufendem Meter und schwer mit etwa 300 bis 550 g.
Und jetzt der Punkt, an dem die meisten scheitern: die Dehnrichtung. Powernet dehnt sich in eine Richtung deutlich stärker als in die andere, und die stärkere Dehnung muss quer um den Körper laufen. Wird der Zuschnitt um 90 Grad gedreht, sitzt das Band entweder wie ein Schraubstock oder es hält gar nichts. Hinzu kommt, dass sich Powernet je nach Charge unterschiedlich stark dehnt, das Band also mal länger, mal kürzer ausfällt. Deshalb der Probelauf.
| Material | Wofür | Worauf achten |
|---|---|---|
| Powernet, mittel bis schwer | Rückenteil, Unterbrustband, Cupfutter | Dehnung quer um den Körper legen |
| BH-Tüll | Cups, Mittelsteg | bei großen Cups zweilagig mit gekreuzter Dehnrichtung |
| Elastische Spitze | Cups, Dekolleté | ab mittleren Cups zusätzliches Futter nötig |
| Jersey | Bralettes, Still-BHs | ca. 3 mm kleiner zuschneiden als das Futter |
| Microfaser | Oberstoff für ganze Sets | franst nicht, sehr elastisch |
Woran erkennst du die Dehnrichtung im Laden? Zieh das Material einmal längs und einmal quer. Die Richtung, die deutlich mehr nachgibt, muss später um den Körper laufen. Zwei Sekunden, und der halbe BH sitzt richtig.
Merksatz für die Cups: Das Rückenteil darf sich dehnen, das Cup nicht. Ein Cup, das quer nachgibt, verliert die Form, sobald die Brust Gewicht hineinbringt.
Zutaten: Bügel, Ringe, Schieber und Verschluss
Neben dem Stoff brauchst du eine Handvoll Kurzwaren, und die gibt es in festen Maßen. Wer beim ersten Einkauf danebengreift, hat später Ringe, die nicht auf das Trägerband passen.
| Zutat | Übliche Maße | Hinweis |
|---|---|---|
| Ringe | 10 und 12 mm | Ringgröße muss zur Trägerbandbreite passen |
| Schieber | 15, 16, 18, 20, 23 mm | gleiche Breite wie das Trägerband wählen |
| Trägerband | 12 bis 30 mm | breiter bei größeren Cups, das entlastet die Schulter |
| Bügelband | meist 10 mm | bildet den Kanal, in den der Bügel eingeschoben wird |
| BH-Verschluss | 2 Haken ca. 40 mm, 3 Haken ca. 55 mm | mehr Haken bei breiterem Unterbrustband |
| BH-Bügel | Größensystem Staby, dazu flexible Formen | Bügelgröße folgt dem Cup, nicht der Bandgröße |
Und was davon brauchst du wirklich beim ersten Mal? Für ein Bralette reichen Falzgummi, Unterbrustgummi und Trägerband. Ringe, Schieber, Verschluss und Bügel kommen erst dazu, wenn du verstellbar oder mit Bügel arbeitest.
Dazu kommen Falzgummi für die Kanten an Dekolleté und Armausschnitt, Unterbrustgummi und passendes Nähgarn. Klingt nach einer langen Liste. Ist es auch, aber der Vorrat reicht dann für mehrere BHs, weil von jedem Teil nur ein paar Zentimeter draufgehen.
Die richtige Größe ermitteln
Du brauchst zwei Maße: den Unterbrustumfang direkt unter der Brust im ausgeatmeten Zustand und die Oberweite über der stärksten Stelle. Maßband straff anlegen, aber nicht einschnüren.
Für die Bandgröße rechnest du: Unterbrustumfang plus 2,5, das Ergebnis durch 5 teilen, die Kommastelle abschneiden und wieder mit 5 multiplizieren. Für die Cup-Größe ziehst du vom Oberbrustumfang den Unterbrustumfang ab, davon noch einmal 11, teilst durch 2 und rundest auf. Die Zahl entspricht dann dem Buchstaben: 1 ist A, 2 ist B, 3 ist C und so weiter.
| Differenz Oberweite minus Unterbrust | Cup |
|---|---|
| 12 bis 14 cm | A |
| 14 bis 16 cm | B |
| 16 bis 18 cm | C |
| 18 bis 20 cm | D |
| 20 bis 22 cm | E |
| 22 bis 24 cm | F |
Warum weicht die berechnete Größe oft von deiner Kaufgröße ab? Weil Hersteller unterschiedlich schneiden, manche großzügig, manche knapp. Die Formel ist ein Startpunkt für den Zuschnitt, nicht das letzte Wort. Erst die Anprobe am Probemodell sagt, ob es passt. Genau deshalb nähe ich das erste Exemplar aus Resten.
Nähtechnik: Nadel, Stich und Gummi annähen
Nimm eine Stretch-Nadel in Stärke 75 oder eine Microtex in 70, bei sehr feinen Stoffen auch eine 60er. Gearbeitet wird überwiegend mit Zickzack, die Cupnähte kannst du mit Geradstich füßchenbreit steppen. Eine Overlock brauchst du für einen BH nicht, eine normale Haushaltsmaschine reicht völlig.
Das Gummiband wird in zwei Schritten angenäht: erst mit schmalem Zickzack rechts auf rechts an die Kante, dann umklappen und mit breiterem Zickzack festnähen. Als Richtwert dienen etwa 3 mm Stichbreite und 3 mm Stichlänge, beim Falzgummi eher 5,5 mm Breite bei 2,5 mm Länge. Und ein Detail, das viel ausmacht: Das Gummi wird beim Annähen nicht gedehnt, sondern nach Maß in Teilstrecken aufgeteilt und abschnittsweise aufgenäht. Wer durchgehend zieht, bekommt Wellen.
Warum wird das Gummi nicht gedehnt angenäht? Weil die Dehnung sonst ungleichmäßig verteilt ist und das Band an manchen Stellen einschneidet, an anderen absteht. Teilstrecken abmessen ist langsamer, sitzt aber.
Der Bügelkanal entsteht zum Schluss. Das Bügelband wird auf die Verbindungsnaht zwischen Cup und Unterbrustband gesteppt, die erste Naht läuft in der Nahtrille, die zweite mit etwa 6 mm Abstand daneben. Der Bügel selbst wird erst eingeschoben, wenn das Falzgummi oben schon sitzt. Wie du deine Maschine für elastische Stiche einstellst, steht in den Nähmaschinen-Basics.
Passform prüfen: die häufigsten Fehler
Fast alle Passformprobleme lassen sich auf vier Ursachen zurückführen, und in drei von vier Fällen liegt es nicht am Bügel, sondern am Cup oder am Band. Die Tabelle hilft beim Zuordnen.
| Was du merkst | Ursache | Was hilft |
|---|---|---|
| Brust quillt oben oder seitlich heraus | Cup zu klein | ein Cup größer, Bandgröße gleich lassen |
| Stoff wirft Falten im Cup | Cup zu groß | ein Cup kleiner oder Cupnaht enger steppen |
| Band rutscht am Rücken hoch | Unterbrustband zu weit | Zwei-Finger-Regel prüfen, Band kürzen |
| Bügel drückt seitlich in die Brust | Cup zu klein oder Mittelsteg zu schmal | Cup vergrößern, Mittelsteg verbreitern |
| Träger rutschen von der Schulter | Träger sitzen zu weit außen | Ansatz zur Mitte versetzen oder kreuzen |
Und wo fängst du bei der Fehlersuche an? Immer beim Cup, nie beim Bügel. Der Bügel ist fast nie die Ursache, sondern zeigt nur, dass die Cupgröße nicht stimmt.
Die Zwei-Finger-Regel ist der schnellste Test überhaupt: Genau zwei Finger sollten flach unter das Unterbrustband am Rücken passen. Passt die ganze Hand darunter, ist das Band zu weit, und der Halt kommt dann fälschlicherweise über die Träger. Das merkst du abends an den Schultern.
Was kostet ein selbstgenähter BH?
Ehrliche Antwort: Ich habe dazu keine belastbaren Zahlen gefunden, und deshalb nenne ich hier auch keine. Was sich sagen lässt, ist die Struktur der Kosten. Der Stoff ist der kleinste Posten, weil ein BH kaum Fläche braucht und Reste völlig reichen.
Teuer wird die Erstausstattung an Kurzwaren: Bügel, Ringe, Schieber, Verschlüsse, Falzgummi und Trägerband kaufst du in Mengen, die für mehrere BHs reichen. Der erste kostet dich also überproportional viel, der fünfte fast nichts mehr. Wer nach einem Exemplar aufhört, hat schlecht gerechnet.
Und lohnt es sich finanziell überhaupt? Bei Standardgrößen aus dem Discounter sicher nicht. Bei Größen, die im Handel kaum angeboten werden, oder bei Marken-Dessous sieht die Rechnung anders aus. Der eigentliche Gewinn ist aber die Passform, nicht der Preis.
Wann du lieber nicht selbst nähen solltest
Ein BH ist kein Projekt für zwischendurch, und es gibt Fälle, in denen ich davon abrate. Wenn du gerade erst mit dem Nähen anfängst und noch nie mit dehnbaren Stoffen gearbeitet hast, ist ein Shirt aus Jersey die bessere Übung. Die Materialien sind billiger und Fehler tun weniger weh.
Und wenn du es trotzdem probieren willst? Dann nimm ein Probemodell aus Resten. Das kostet fast nichts.
Auch bei sehr großen Cups würde ich nicht mit einem Eigenbau starten. Dort trägt die Konstruktion echtes Gewicht, und ein schlecht sitzender selbstgenähter BH ist nicht nur unbequem, sondern belastet Schultern und Rücken. Wer trotzdem einsteigen will, nimmt ein erprobtes Schnittmuster aus dem DACH-Raum. Etablierte Anbieter sind unter anderem Sewy, Spitzentraum, BRA&BEE und Deine-Dessous. Und wenn du einfach etwas Bequemes für zu Hause suchst: Ein Bralette ohne Bügel und ohne Verschluss ist in zwei Stunden fertig und braucht nur Stoff und Gummi.
Häufige Fragen zum BH nähen
Welcher BH ist für Anfängerinnen am einfachsten?
Ein bügelloser BH, also ein Bralette, Triangel- oder Soft-BH. Er braucht weniger verschiedene Materialien und verzeiht kleine Passformfehler deutlich besser. Der Bügel-BH gilt als schwierigster Typ, weil sich dort jede Ungenauigkeit sofort im Sitz zeigt.
Welchen Stoff braucht man für einen BH?
Für das Rückenteil Powernet, weil es stabil hält, für die Cups Tüll, elastische Spitze oder Microfaser. Wichtig ist die Dehnrichtung: Die größte Dehnung soll quer um den Körper laufen, während die Cups quer möglichst stabil bleiben müssen.
Wie berechne ich meine BH-Größe?
Die Bandgröße ergibt sich aus dem Unterbrustumfang plus 2,5, geteilt durch 5, abgerundet und wieder mal 5. Für die Cup-Größe ziehst du vom Oberbrustumfang den Unterbrustumfang und 11 ab, teilst durch 2 und rundest auf. 1 entspricht A, 2 entspricht B und so weiter.
Welche Nadel und welcher Stich für BHs?
Eine Stretch-Nadel in 75 oder eine Microtex in 70, bei sehr feinen Stoffen auch eine 60er. Genäht wird überwiegend mit Zickzack, die Cupnähte kannst du mit Geradstich füßchenbreit steppen. Eine Overlock brauchst du nicht.
Warum rutscht das Unterbrustband nach oben?
Weil es zu weit ist und das Gewicht nicht halten kann. Als Prüfmaß gilt die Zwei-Finger-Regel: Genau zwei Finger sollten flach unter das Band am Rücken passen. Sitzt es lockerer, wandert es hoch und der Halt kommt fälschlich über die Träger.
Warum drückt der Bügel?
Meist ist das Cup zu klein, dann liegt der Bügel auf Brustgewebe statt in der Brustfalte. Die zweite häufige Ursache ist ein zu schmaler Mittelsteg, der die Cups nach innen zieht. In beiden Fällen hilft ein größeres Cup, nicht ein anderer Bügel.